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Makerspace Masch

Werken und wirken

Eine Gruppe Enthusiasten gründet eine offene Werkstatt für noch mehr Enthusiasten – und alle, die handwerklich, künstlerisch oder technisch werkeln wollen. Als Ausgleich zum genormten Alltag oder um sich gleich einen neuen Alltag zu schaffen.

Von Susan Künzel

Staub alter Geschichten wirbelt auf. Da erzählte ich in meinem ersten Beitrag über Roman Bendix und seinen Holz-Upcycling-Enthusiasmus. Nun hobelt er hier im Makerspace Leipzig. Auch Scyriel hat die Werkstatt in der Erich-Zeigner-Alle aufgegeben und eine neue gleich hier nebenan eingerichtet.

Im Makerspace fliegt kein Staub herum. Weil Holzstaub toxisch wirken kann, wird er hier durch eine ordentliche Absauganlage aufgefangen. Und genau das gehört zum Konzept der Makerspacler: Kein Hantieren ohne Einweisung. Kein Lärmen ohne Ohrenschützer. Keine Schraube ohne Dose. Kein Defekt ohne Reparatur. Was sie machen, machen sie richtig und durchdacht. Sicher und professionell.

Das erzählt mir Claire, die gerade Schmuck fertigt, „um abzuschalten und runterzukommen. Ich würde verrückt werden, wenn ich neben meiner Forschungsarbeit nicht noch was Kreatives produzieren könnte. Ich glaube, jeder Mensch hat das Bedürfnis, etwas zu erschaffen.“ Sie und ihr Mann waren unter den Pioniermitgliedern, die an die Makerspace-Idee glaubten und ihr Geld gaben, obwohl außer der Idee noch nichts zum Dran-Glauben vorhanden war. Mit ihnen und den anderen idealistischen Geldgebern aber konnte das Projekt loslegen.

Pioniermitglied und Forscherin Claire entspannt kreativ

Pioniermitglied und Forscherin Claire entspannt kreativ

Licht ins Dunkel

Die Idee entwickelt hat Dennis Jackstien, ein gestandener Lichtgestalter und seinerzeit dem Scheinwerferkegel seines Auto folgend. Zudem folgte er einem Beitrag über das Eigenbaukombinat, die offene Werkstatt in Halle. Schon längst war er der Einsamkeit in seiner super ausgerüsteten Werkstatt überdrüssig; er wollte nur zu gern Wissen und Technik teilen. Und weil es in Leipzig nichts Vergleichbares gab, beschloss Dennis, den Raum zum Schaffen selbst zu schaffen. Zuallererst schuf er eine Facebook-Seite, im Februar 2014, um seinen Enthusiasmus und dessen Folgen auf mehrere Schultern zu verteilen.

Makerspace Christoph

Christoph sinniert über Unabhängigkeit

Christoph, heute mit mir im „Talkingplace“ des Makerspace, googelte sich damals gerade durch die Werkstattangebote Leipzigs und folgte umgehend Dennis’ Aufruf. So und anders kamen die wildfremdesten Leute zusammen – ein Programmierer, ein Dozent, ein Forscher, eine Betriebswirtin, ein Physiker, ein Elektroniker, eine Vertrieblerin, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, ein Handwerker, ein Verkäufer, eine Textildesignerin, ein Zerspaner und andere mehr. Sie waren 40 Jahre oder 50 oder auch nur halb so alt und bildeten das Gründungsteam. Und stiegen ein in eine gewissenhafte Planungsphase.

Viele Wünsche, wenig Geld

Die Barmittel zu mehren, warb das Team um weitere Mitstreiter. Bald waren es 50 Pioniermitglieder, mit deren Monatsbeitrag es sich planen ließ. Um die Anzahl Wünsche zu mindern, publizierten sie Spendenaufrufe und wurden quasi mit Werkzeugen und Maschinen überhäuft, so dass private Keller und Grundstücke allesamt zu Zwischenlagern umgewidmet wurden. Ab November 2014 genoss die Initiative Unterstützung durch das soziokulturelle Zentrum „Die Villa“ und startete dort mit ersten Workshops. Parallel debattierten sie mit Stadtteilläden, Quartiersmanagern und Vermietern, bis die Gruppe schließlich nicht dem so hippen und aufstrebenden Leipziger Westen, sondern sehr pragmatisch der Nähe zu Zentrum und Hauptbahnhof ihr Ja-Wort gab. „Wir wollten uns auch nicht in unser Konzept reinreden lassen“, erinnert sich Christoph. Nach einem reichlichen Jahr des Konzeptionierens zogen sie in der Bitterfelder Straße ein.

Holzwerken bis in die Abendstunden

Holzwerken bis in die Abendstunden

In den großzügigen Arbeitsräumen steht schon vieles, was Handwerker- und Bastlerherzen begehren – von Sägen und Fräsen, Zangen und Stanzen über Studioleuchten und Dunkelkammer, Töpferscheibe und Brennofen bis zu Nähmaschinen, Webstühlen und 3D-Druckern. Auch Messgeräte sind zu haben. Und Widerstände – die kleinen elektronischen.

Diese große Auswahl an Technik und auch an Wissen schätzen die Makerspace-Mitglieder. Etwa 70 sind es mittlerweile, der Jüngste 15 Jahre, der Älteste im Ruhestand.

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Jung und alt beieinander

Sie bauen ihre handwerklichen Fähigkeiten aus, entwickeln Prototypen, lernen Materialien oder Maschinen in Workshops kennen, realisieren eigene Ideen oder starten in die eigene Selbstständigkeit, wie es auch Christophs Ziel ist. Mit wie viel Zeit er dieses Ziel aktuell verfolgt? „Oh, eigentlich noch gar nicht richtig. Im Moment stecke ich quasi alle Zeit in die Entwicklung des Makerspace.“ Wie die meisten der Gründungsmitglieder. Und das wird nicht monetär entlohnt. „Auch für das Anleiten von Workshops gibt es höchstens eine Aufwandsentschädigung. Unser Lohn sind Bestätigung, Respekt, Gemeinschaft, gegenseitige Hilfe“, resümiert Christoph. Da sind sich die Gründungsmitglieder, die nun das Orgateam bilden, einig. Sie haben alle noch ihre großen oder kleinen Jobs oder Shops. Einer, der übers Makerspace sein Einkommen realisieren wollte, quasi als bezahlte Stelle, ist nicht mehr dabei.

Prosumenten

Und wo soll es hingehen? Christoph holt weit aus: „Wir wollen schon eine Art Institution werden, ein fester Standort im sozialen Leben von Leipzig. Auch Vorbild für zukünftiges Wirtschaften! Und es geht nicht nur ums Reparieren, sondern weit darüber hinaus. Es gibt den noch recht jungen Begriff des Prosumenten – also Konsumenten, die zugleich Produzenten sind, oder auch umgekehrt. Der Konsument ist heute abhängig von dem, was es gibt. Und auch von der geplanten Obsoleszenz, will man meinen. Der Trend geht dahin, sich unabhängiger zu machen. Und natürlich Ressourcen zu schonen.“ Also selber Möbel tischlern, Teppiche weben, Kunstwerke modellieren, Geschirr töpfern. Damit ist man nicht nur weniger auf Angebote der Industrie angewiesen, sondern fühlt sich weitaus selbstbestätigter als durch eine angetackerte Kaufbelobigung.

Makerspace Regal

Fundus zum unabhängig sein, Ressourcen schonen und Selbstbestätigen

Und neben mehr Unabhängigkeit als Konsumenten geht es Christoph und, wie er sagt, auch den anderen Makerspaclern, um die Unabhängigkeit als Produzenten. Sie netzwerken: „Wir pflegen soziales Miteinander, wir teilen hier Raum, Werkzeuge und KnowHow. Mehr als bei anderen verwandten Projekten dieser Art.“ Und vielleicht schreiben die enthusiastischen Macher Wirtschafts-Geschichte, auf die sich nicht so bald Staub legt.

Lektorat: Susanne Wallbaum

Fotos: Susan Künzel

 

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