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Wenn jemand eine Reise tut

…, so kann er was erzählen. Christian Tihl kam auf seiner Reise zum Olivenöl. Und zu seiner Bestimmung, griechische Kleinbauern und deutsche Verbraucher zusammenzubringen – so naturbewusst, fair und direkt wie eben möglich.

Von Susan Künzel

Christian Tihl baute ein Floß, aus Styropor und Brettern und sonstigen praktischen Dingen, die man auf österreichischen Urlaubswegen so finden konnte. Mit einem Freund aus der gerade eben beendeten Göttinger Schulzeit, mit Reling und einem Sonnenschutz, der, als Segel benutzt, das Weiterkommen beschleunigte. Sie schipperten die Donau entlang bis nach Bratislava. Den letzten klitzekleinen Rest bis zum eigentlichen Ziel in Rumänien trampten sie. Andere freuten sich über ihr Floß. Die beiden freuten sich, bei den Siebenbürger Sachsen bekannte Göttinger Gesichter zu treffen. Christian ist ein entspannter, lebensfreudiger Mensch mit strubbeligen blonden Haaren, der gerne lacht und gerne mit beiden Händen zupackt. Als sein Freund krankheitsbedingt nach Hause fahren musste, hackte Christian viel Holz, deckte das Dach der rumänischen Trampergastgeber und half auch anderweitig aus, bekam Kost und Logis und schließlich auch ein Ticket nach Griechenland. Er wollte weiterreisen.

Es zog ihn zu einem sonnigen Fleckchen fruchtbarer griechischer Erde, wo ein davon begeisterter Onkel für etliche Jahre gewohnt hatte und eine Großcousine ein Anlaufziel bot. Christians vage Sehnsucht wurde handfest bestätigt. Er verliebte sich in Land und Leute. IMG_0304

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Olivenbäume in Messenien, Griechenland

Im nächsten Sommer reiste er wieder nach Messenien, in das Dörfchen mit den zehn Bewohnern, half aus bei Kühen, Hühnern, Pferden und Bienen, hockte in der Taverne bei Oliven, Wein und Politik, lernte den Olivenbauern Jannis kennen. „Der ist seit Kindesbeinen im Olivenhain, ist von und mit Oliven groß geworden. Dem musste man auch nichts von Ökologie erzählen, der lebte das völlig selbstverständlich“, erzählt Christian beeindruckt. „Ohne Bürokratie, ohne Zertifizierung, einfach weil es sich so gehört. Keine Pestizide, keine künstliche Bewässerung, Natur pur. Kühe helfen, den Rasen zu mähen und zu düngen.“ Christian kam im November wieder – zur Olivenernte, und wurde mit Olivenöl entlohnt. Begeistert war er über seinen Mehrjahresvorrat, jedoch: „Hundert Liter Öl im Flugzeug mitzunehmen machte sich nicht so gut.“ Nach diversen Überlegungen und Telefonaten nach Hause kaufte er dem Olivenbauern Jannis eine ganze Palette mit Olivenöl ab, organisierte einen Spediteur und flog dem Öl hinterher.

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Gesunde, chemiefreie Oliven in Jannis‘ Olivenhain

Per Hand mit Rechen und durch Abklopfen werden die Oliven geerntet.

Die Bäume werden beschnitten, die Oliven per Hand mit Rechen und durch Abklopfen geerntet.

Olivenernte. Netze unter den Bäumen fangen die Oliven auf.

Unter den Bäumen werden Netze ausgelegt, die Oliven fallen sanft und keine geht verloren.

Wieder daheim versorgte er Familie, Verwandte, Freunde und Freundesfreunde aus Leipzig und Göttingen mit den leckeren und gesunden Mitbringseln. Und in seinem Kopf formte sich das Erlebte zu Ideen und Plänen. Viel konkreter als die Pläne, die zuvor da herumgespukt hatten. Und viel sinnvoller als die diversen Jobs, die ihn neben Vater Staat über Wasser hielten. Die Oliven hatten ihn gefunden und er hatte zugegriffen. Nun hatte er die Möglichkeit, Kleinbauern zu helfen, in Wirtschaftsstrukturen einzugreifen, Vertrauen in ein Produkt und eine eigene Selbstständigkeit aufzubauen, etwas zu tun, was sich richtig anfühlt.

Seither fährt Christian jedes Jahr im Herbst zu Jannis, bringt Freunde mit – zum Helfen und weil es da so schön ist. Er liest und lernt über Olivenöl. Er lernt von Jannis, denn der weiß seit zig Jahren, wie es geht. Und er lehrt Jannis, denn der macht es seit zig Jahren so, wie es nun mal geht. Doch die Qualität ist besser, seit sie die Oliven nahezu täglich zur Ölmühle bringen, sodass sie schnell verarbeitet werden und nicht zu gären beginnen. Und sie ist besser, seit sie genau hingeschaut und die Mühle vor zwei Jahren gewechselt haben für bessere Hygiene und konstant niedrige Temperaturen bis maximal 27°C bei der Pressung. Und sie ist besser, seit sie noch stärker auf den Zustand der Oliven achten und darauf, dass sie bei der Ernte nicht beschädigt werden. „Wir sortieren auch mal was aus“, erklärt Christian, „aber komplett von Hand verlesen werden wir nicht. Dann müsste die Flasche 80€ kosten, das ist nicht unser Ding. Wir wollen ein vernünftiges, gesundes und natürliches Öl zu einem vernünftigen Preis.“

Christian bei der Ernte

Christian prüft die Qualität

So bringt Christian frischen Wind in Jannis’ Haine am unteren Zipfel von Peloponnes. Und Jannis bringt frischen Wind in Christians Leben. Der Jungunternehmer nimmt nun, im dritten Jahr der Zusammenarbeit, Jannis’ gesamte Ernte ab, kümmert sich um Pressen, Filtern, Abfüllen, Etikettieren, Transporte, Lagerung – und hat hehre Ziele: Naturbewusst, fair, direkt – hat sich Christian auf die Fahne respektive Website geschrieben. Er hat ein naturbelassenes, gutes Produkt und passt auf, dass das so bleibt. Keine Chemie, zügige Verarbeitung ohne Hitzezufuhr. Die Etiketten sind aus Recyclingpapier, der Kleber aus Kartoffelstärke, die Farbe auf Wachsbasis hergestellt. Er zahlt für die Oliven deutlich mehr als die örtlichen Ölmühlen an den Olivenbauern. Die Website informiert offen über Idee, Produkt und Erzeuger. Und auch mal über ein Verschieben der Abholtage, wenn das Abfüllen in der kleinen Küche im Leipziger Westen dann doch länger dauert oder etwas anderes wichtiges dazwischenkommt. Die Kunden beziehen im Direktverkauf online oder über kleine Läden und Wochenmärkte in Leipzig und Göttingen. Vor allem aber in größeren Gebinden, sie lagern ihren Jahresvorrat quasi selbst. So werden Verpackungsmaterial, Arbeitsaufwand, Transportwege und Lagerfläche reduziert. Vorbestellungen und Vorkasse erleichtern Kalkulation und Finanzierung.

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Und wo soll die Reise hingehen? Christian ist glücklich mit dem, was er jetzt tut. Es kommt vor, dass er bangt, es könnte ihm zu viel werden. Er muss sich auseinandersetzen mit Kriterien für Qualität und auch für Zusammenarbeit. Seit letztem Herbst arbeitet er mit einem zweiten Olivenbauern zusammen – Dimitris. Viele mehr klopfen ihm in Griechenland auf die Schulter und bieten Freundschaft und Oliven an, winken mit Zertifikaten, der Deutsche zahlt eben gut. Christian setzt auf Vertrauen, nicht auf Wachstum, er will helfen, Abhängigkeiten mindern, aber nicht überrumpelt oder ausgenutzt werden.

Auch sinniert er über solidarische Landwirtschaft, über professionelles Prüfen der Inhaltsstoffe, über Abholtage als Events mit Vorträgen, Essen und Diskussionsrunden. „Das ist noch ausbaufähig. Jedes Jahr ein bisschen.“ Es ist gut, den Anteil der Nebenjobs zum Broterwerb oder der staatlichen Hilfe weiter zu reduzieren. Doch will er es mit Bedacht tun, er will es schaffen können. „Ich möchte genug haben zum Leben, zum Geben und zum Teilen, ein Einkommen. Aber auch gerne noch immer Zeit, um Dinge zu tun, für die es kein Geld gibt. Freunden helfen, beim Haus oder der Küche mit bauen.“ Und vielleicht eine Reise tun.

IMG_1744Lektorat: Susanne Wallbaum

Fotoaufnahmen: Christian Tihl, letztes Foto von Susan Künzel

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