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Wachsen am Lebensthema

Gerlind Große wirkt in mehreren Paralleluniversen: Sie führt eine Praxis zur ganzheitlichen Schwangeren- und Familienberatung, ist Dozentin an der Leipziger Uni, studiert nebenbei noch weiter, ersinnt ein Beratungstool im Internet, hat drei Kinder und den Kopf voller Ideen – wobei bei ihr die Gefahr besteht, dass sie die auch umsetzt.

Von Jana Dichelle

Gerlind gehört zu jenen Menschen, deren Werdegang ungläubiges Staunen verursacht. Denn wem gelingt es schon, mit einem Abschluss als Übersetzerin für Englisch und Spanisch ohne Umschweife in Psychologie zu promovieren, ohne Brief und Siegel in dem Fach? Ihre Promotion, die sich mit den kommunikativen Absichten von Kleinkindern befasst, hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am MaxPlanck-Institut für evolutionäre Anthropologie verfasst. Gut, die akademische Karriereleiter mag dort anders als in der Außenwelt konstruiert sein, doch selbst mit dem Max-Planck-Vorzeichen ist ein solcher Lebenslauf keineswegs gang und gäbe.

Geburt und Elternschaft als Lebensthemen

Heute besteht ihr Berufsleben aus zwei Handlungssträngen: Ihrer akademischen Laufbahn und ihrer Privatpraxis, die sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen aus ihrer Angestelltentätigkeit heraus gegründet hatte. „Geburt aus der Mitte“ heißt die Praxis, benannt nach einem wegweisenden Buch, in der sie sich Schwangeren und deren Familien beratend annimmt. Hier will sie eine Lücke füllen, die sie selbst als werdende Mutter empfunden hat, als ihr die gängige Schwangerschaftsbetreuung nach rein medizinischen Gesichtspunkten zu mechanistisch daherkam. „Das habe ich gespürt und angefangen zu suchen“, erinnert sie sich.

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Zeit der Suche: Gerlind in der Schwangerschaft.

Seit der Zeit, da ihre drei Kinder zur Welt kamen, hat sie Geburt und Elternschaft als ihr Lebensthema angenommen, hat sie so viele Ideen und Wissen angehäuft, so viele Wege beschritten, dass sie heute andere kundig durch diese Lebensphase leiten kann. Neben ihrem Erfahrungsschatz legitimiert sie ihre Ausbildung zur systematischen Familientherapeutin. Die hat sie parallel zur Promotion auch noch absolviert.

So sieht das Praxisschild aus.

Eine Praxis, zwei halbe Stellen und drei Kinder

Gerlind gibt zu, dass sie auch schon drei, vier Dinge parallel gemacht hat, aus Angst, ohne etwas dazustehen: Zwei halbe Stellen – eine, um für ein privates Zukunftsinstitut Studien zu verfassen, eine bei den psychologischen Pädagogen an der Uni – und was dann an Zeit noch übrig blieb, in ihrer Privatpraxis. „Jedes für sich hat mir Spaß gemacht, aber es war schon eine Zerreißprobe, immer im Kopf zwischen all dem hin und her zu schalten und dennoch meinen Kindern zu ihrem Recht zu verhelfen“, urteilt sie rückblickend. Auch das Auswandern nach Australien hatte sie einmal erwogen, als die Durststrecke länger anhielt. Das Bewerbungsverfahren war schon in vollem Gange, als sich an der Leipziger Uni doch noch ein Türchen auftat. Inzwischen vertraut sie darauf, dass sich nach jeder Wegbiegung eine neue Perspektive eröffnet. An der Uni beispielsweise hat sie erlebt, dass Stellen mitunter schwer zu besetzen sind – weil sich nicht genügend qualifizierte Bewerber melden.

Eingewebte Fallstricke des Lebens

„Projekte entstehen eigentlich von ganz allein, ich muss mir etwas aussuchen“, beschreibt sie einen Zustand, von dem manch anderer träumt. Dabei zählt Gerlind beileibe nicht zur Spezies des jettenden Managers, auch nicht äußerlich: Ihr damenhafter Mantel stammt aus dem Second Hand-Laden – für sie eine Frage der Logik: „Das spart Geld und Ressourcen.“ Und beruflich webt sie aus allerlei Strängen ein Karrierepatchwork, in dem sie die Fallstricke des Lebens gleich mitverarbeitet. Auch das Leid gehört für sie dazu: Ihr Sohn hat eine Krebserkrankung  überstanden, ihre Ehe zerbrach unter dem Druck. Heute lebt sie alleinerziehend in einer WG am Leipziger Stadtrand.

Sinnfragen vor der Geburt

„Bei den meisten geht bis etwa Ende 20 alles einigermaßen gut – man ist mit Berufs- und Partnerwahl beschäftigt. Aber dann, gerade in der Phase des Kinderhabens, brechen gewisse Muster durch und Stress häuft sich an“, berichtet Gerlind über ihre Erfahrung mit sich und anderen. Plötzlich geht es ums Ganze: Um Sinnfragen, um Konflikte, die bislang nicht geachtet wurden. „Wenn eine Geburt ansteht, wollen sich vor allem die Frauen gut vorbereiten, wollen Ungelöstes vor dem neuen Lebensabschnitt bereinigen“, erklärt Gerlind die Motivation der Familien, die den Weg zu ihr zu suchen. Der Besuch in ihrer Praxis ist eine Privatleistung. „Zu uns kommen diejenigen, die noch genügend Ressourcen haben. Aber auch die können zur Neige gehen. Und wenn sie nicht ausreichend wieder aufgefüllt werden, muss sich etwas ändern. Dabei helfen und begleiten wir.“

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Gerlind (Mitte) mit ihren Mitstreiterinnen Laura Hauschild (l.) und Elisa Karpe. Foto: Ildiko Sebestyen

 

An der Vergangenheit rühren

Gerlind bereitet Wege zu einer selbstbestimmten, möglichst natürlichen Geburt und für ein stimmiges familiäres Umfeld. Der Ansicht, man solle nicht an der Vergangenheit rühren, widerspricht sie vehement: „Im Gegenteil: Gerade in dieser sensiblen Zeit der Schwangerschaft kommt man leichter an Themen heran. Das sollte man nutzen und als Chance begreifen – eine Chance auf Wachstum und Reifung. Wenn man in dieser Phase Lösungen findet, kann man dem eigenen Leben und dem des neuen Familienmitglieds einen guten Impuls geben.“

Wichtig sind ihr die freien Hebammen, deren neuerliche Schwächung durch Berufshaftpflichtforderungen aus ihrer Sicht einem Berufsverbot nahe kommt. „Die Betreuung wird immer schlechter. Wir treffen mit der systemischen Therapie auf eine Marktlücke, die leider immer größer wird.“ Sie selbst begleitet auch Geburten, als Doula, als moralische und kenntnisreiche Stütze für die Gebärende und ihre Hebammen – wenn es denn erlaubt ist. Denn nicht jedem Krankenhaus sind sie als Begleitpersonen genehm.

Behauptungen erforschen

Wissenschaft und Therapie – das sind für Gerlind heute die beiden Pole, von denen sie nicht lassen mag. Ihre Beratungserfahrung würde sie gern in die Forschungswelt einkoppeln: „Zum Beispiel gibt es keine Konzepte für Interventionsprogramme, um die Mutter-Kind-Bindung bereits in der Schwangerschaft zu stärken. Man müsste mal nachweisen“, sinniert sie über eine Forschungsidee, „dass sich die Bindungsverläufe mit einem solchen Programm bessern. Es gibt ja in der Tiefenpsychologie solche Behauptungen, ob das aber stimmt, ist noch unerforscht.“

In der Zwischenzeit tüftelt sie gemeinsam mit einem Softwareentwickler, den sie wiederum aus der Gründerszene kennt, über einer Internetplattform für Schwangere – mit mehreren Tools, um Schmerzen zu mindern, Entspannungstechniken zu erlernen und Selbsterfahrung zu fördern. „Bei Angst vor dem Muttersein beispielsweise könnte ich mir eine Meditation vorstellen: Treffen mit dem Angstmonster. Man muss den Weg ja ohnehin selbst gehen, und warum sollte das mit einer guten Anleitung nicht auch im Internet möglich sein?“, fragt Gerlind, und liefert die limitierenden Faktoren gleich mit: „Man müsste absichern, dass nichts Pathologisches oder Traumatisches vorliegt. Es ist letztlich eine Frage der Selbstverantwortung, sich in einem solchen Fall doch eher einem Arzt oder Psychotherapeuten anzuvertrauen.“

Baby auf Händen

Stärken Interventionsprogramme die Mutter-Kind-Bindung? Wäre zu erforschen…

20 Prozent reinstecken, 80 rauskriegen

Neben all dem holt Gerlind nun doch noch den Psychologie-Abschluss nach, der zu mehr therapeutischer Freiheit berechtigt und die Zusammenarbeit mit Kliniken und Krankenkassen erleichtert. Ihre Uni-Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin füllt sie indes weiterhin aus. Wenngleich ihr das Unisystem mit seinen ewig befristeten Verträgen und Verwaltungsaufgaben nicht gerade attraktiv erscheint, schließt sie den Weg in die Professur nicht gänzlich aus: „Ich brauche dazu noch ein paar Publikationen“, sagt sie leichthin. Denn ihr Lebensthema ist gesetzt, dazu etwas zu publizieren, sollte der Aufgaben nicht die schwerste sein. Davon profitiert auch ihre Facebook-Gemeinde, die sie mit Links rund um Geburt, Stillen, Leben mit Kindern versorgt. Wie man so viel schafft? Für sie alles eine Frage der Energie – und das ist nicht esoterisch gemeint, jedenfalls nicht unbedingt: „Wenn man 20 Prozent Energie reinsteckt und 80 rausbekommt, dann stimmt das Verhältnis.“

(Beitragsbild: Antja Stumpe)

 

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