heute · über · morgen

Philippus Volker Klein

Von einem, der auszog, Brücken zu bauen

Pfarrer Volker Klein baut an Perspektiven für Jugendliche und an einem Hotel von, mit und für Menschen mit Behinderungen.

Von Susan Künzel

An einem lauen Sommerabend lausche ich dem Jazzpianisten Florian Kästner sowie seiner Saxophonbegleitung Johannes Enders in der Philippuskirche in Leipzig Lindenau. „Der Eintritt ist frei. Behalten Sie Ihr Kleingeld ruhig bei sich, das übrige können Sie uns beim Austritt geben“, begrüßt uns der Veranstalter. „Die alte Jehmlich-Orgel, seit Anbeginn in der Kirche, ist hochgradig asthmatisch und pflegebedürftig.“ Der Putz bröckelt, einzelne Lampen fehlen, doch ist es ein besonderer und einladender Ort. Den über 100 Jahre alten Gemäuern wurde nie mehr als etwas Farbe hinzugefügt. Und auch nie mehr weggenommen, dankenswerterweise. Der Kirchsaal ist überschaubar, die Bestuhlung im Halbrund und die Orgel vorn platziert, keine Säulen, die den Blick begrenzen, Musiker und Zuhörer auf einer Höhe. Es gibt keine Treppen am Eingang, ältere Leute und Rollstuhlfahrer fühlen sich mehr als anderswo willkommen.

PIano-Saxophon-Konzert im Kirchsaal

Die Besonderheiten setzen sich fort: Das Abendmahl wird morgens und immer zur Wochenmitte gefeiert. Jeden Dienstag gibt es eine Atempause – ein Mittagsgebet zum Innehalten. Es gehört keine Kirchgemeinde zu diesem freundlichen Bau und doch ist er voller Leben. Förderverein und Freundeskreis gestalten hier das geistliche und kulturelle Programm.

Daran teil hat Volker Klein. Ich traf den Theologen auf dem Frühlingsfest der Heldenköchin (Link zu Artikel). Als ich dort meinen Stehtischgefährten von „heute über morgen“ erzählte, klopfte eine Frau ihrem Nachbarn auf die Schulter: „Na, da wärst du doch auch ein Kandidat für.“ Später erzählte mir der Kandidat von seinem Enthusiasmus für Philippus.

Philippus Fähnchen

Volker Klein stammt ursprünglich aus Karlsruhe, studierte Theologie, auch ein Jahr in Australien, war Pfarrer hier und da, widmete sich mit seiner Frau zunehmend der Jugendarbeit und zog genau aus diesem Grunde 1993 in das Jugendzentrum des CVJM in Frankfurt/Oder ein. So war er nah bei denen, an deren Perspektiven er mitbasteln, denen er Brücken bauen wollte. „Und meine liebe Frau war immer dabei. Sie ist Erzieherin. Das passte wunderbar.“ Der schlanke Mitfünfziger und Triathlet spricht so liebevoll und einfühlsam und wirkt zugleich so agil und erfrischend, dass ich mir seine damaligen Pfadfindergruppen und Sommerfreizeiten mühelos vorstellen kann.

Doch Volker Klein mobilisierte nicht nur die Jugend: „Auch den altehrwürdigen Herren in der Leitung des Dachverbands – gefühlte 90 Jahre im Amt – hatte ich einiges zu sagen.“ Sie gaben ihm Ende 1999 die Chance, es besser zu machen. So zog er nach Kassel, verantwortlich für 70 CVJM-Vereine. Und gestaltete einen Kulturwechsel – weniger formale Hierarchie, mehr Basisdemokratie, mehr Frauen in Verantwortung – mit dem Ergebnis hoher Identifikation und Beteiligung. Nach sieben Jahren wurde er wiedergewählt, nach weiteren fünfeinhalb Jahren war eine Sabbatzeit fällig. Volker und seine Frau lösten die Wohnung auf und reisten mit dem alten VW-Bus sieben Monate durch Europa. Dann ließen sie auch den Bus stehen und zogen weitere drei Monate unmotorisiert aber motiviert durch Nepal und Thailand.

Zugang

“Zugang”

"Bleiben"

“Bleiben”

Wieder in Deutschland promovierte Volker Klein und schaute sich in aller Ruhe nach einer ortsgebundeneren Aufgabe um. „Orte, die ich mir für eine solche Bindung vorstellen konnte, waren Leipzig – natürlich – oder auch Berlin und Hamburg.“ Für Leipzig sprach vieles, auch, dass sein früherer CVJM-Kollege Wolfgang Menz nun hier beim Berufsbildungswerk wirkte. Zu diesem gehören das seit 2002 nicht mehr gemeindlich genutzte und nun denkmalgeschützte Philippus-Ensemble – und ein ambitioniertes Ziel: In dem nach Leipziger Manier recht großzügig bemessenen Pfarrhaus soll bis Ende 2016 ein Integrationsbetrieb mit Hotel und Gastronomie entstehen. Hier werden Menschen mit und ohne Behinderung für Menschen mit und ohne Behinderung einen gastfreundlichen Ort gestalten. Volker Klein baut diesen Ort nun mit auf. Bis es soweit ist und Beherbergung und Bewirtung geboten werden, experimentiert er mit verschiedensten Ideen, um Leben, Vielfalt und Leidenschaft in die alten Mauern zu bringen.

Das Philippus-Ensemble

Das Philippus-Ensemble

Er teilt sich mit Wolfgang Menz die Verantwortungen: Klein kümmert sich um Inhalte und Programm, Menz um Konzeption und Bau. Nun erklärt sich mir auch die Frage des Herrn, der (als ich zum Interview kam) mit mir an der Kirchenpforte läutete, ob auch ich zur Bauberatung wolle. Dieser Herr sitzt nämlich mit Menz im schönen Garten am Karl-Heine-Kanal und spricht über Marmor, Stein und Eisen. Volker Klein dagegen erzählt mir von music with friends, von Konzerten am Kanal, von Anfragen von Künstlern, vom Wagner-Verband, von den besonderen Formen von Andachten und Abendmahl.

Der Garten am Karl-Heine-Kanal

Der Garten am Karl-Heine-Kanal

Philippus vom Kanal aus gesehen

Philippus vom Kanal aus gesehen

Er liebt das Christ-Sein für postmoderne Menschen, er hört den Menschen zu. „Einmal klopfte einer an, der wollte die alte Orgel anschauen. Der ist Kinotechniker aus Leidenschaft und hat sich auch hierfür begeistert. Seitdem ist er unser Haus- und Hoftechniker, ehrenamtlich. Letztes Weihnachten hat er sich nachts halb zwölf in der kalten Kirche taufen lassen. Man konnte den Atem sehen.“ Ein anderes Mal setzt sich ein Mann morgens zum Abendmahl zu ihm. „Der wollte gucken kommen und hat einfach mal Marmelade mitgebracht. Und dann erzählte er mir die krassesten Geschichten aus seinem Leben und vom blutigen Pfad Gottes.“ Volker Klein freut sich, dass die Leute aus den Stadtvierteln kommen, zuerst die Älteren und die, die ohne Arbeit sind und umso mehr Zeit haben. Zunehmend baut er Brücken zu den Jüngeren. In Volker Kleins Terminkalender stehen auch Quartierberatung, Mediation, Hausbesetzer, Jugendamt, Schulabbrecher, Teenager-Bands. Und das nur in einer Hälfte der Woche. Die andere Hälfte seiner Arbeitszeit widmet der Theologe dem Berufsbildungswerk – für Andachten, Fortbildung, Einkehrtage, christliche Begleitung der Hauptamtlichen.

Klein möchte die nächsten Jahre in Leipzig bleiben, die Aufbruchstimmung der Menschen hier, vor allem im Leipziger Westen, die Netzwerke, die Jungunternehmer, die verändern und nicht vorrangig Geld verdienen wollen, haben es ihm angetan.

Philippus Gebäude gefärbtDas Umfeld hier und das Hotelprojekt veränderten auch ihn und seine Haltung zur Gesellschaft. Er sieht deutlicher, wie schwer es oft für Menschen mit Behinderungen ist, am Leben teilzuhaben. Er sieht, wie sehr sie sich freuen, so einfach per Rollstuhl in die Kirche hineinzurollen. Er hat gelernt, viel leichter und entspannter auf sie zuzugehen und neben tatsächlichen Schwellen auch Hemmschwellen abzubauen.

So baut er auch privat diverse Hemmnisse ab. Demnächst wird er mit seiner Frau in eine kleinere Wohnung umziehen und die zu großen und überzähligen Möbel verschenken. Er hat dann keine eigene Werkstatt mehr, um sich kleinere Möbel zu bauen und seiner künstlerischen Ambition nachzugehen – er geht in die Gemeinschaftswerkstätten, die Leipzig immer reichlicher zu bieten hat. „Das Leben so zu teilen, umzudenken und umzubauen macht einfach Spaß und gibt Energie.“

So baut Volker Klein Brücken – für Menschen mit und ohne Behinderung, für Jung und Alt, für Geben und Nehmen, für neues Leben in alten Mauern, für Kirche und Kultur.

Philippus Kirche Spiegelung

Fotoaufnahmen: Susan Künzel

Lektorat: Susanne Wallbaum

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