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Vom Genuss, keinen Müll zu verursachen

Man nimmt sich ja gerne Auszeiten für Genuss: für ein gemeinsames Mahl, auch fürs Zubereiten desselben mit einem unterhaltsamen Glas Wein. Und nun auch fürs Einkaufen aller Zutaten – mit Freude, mit Zeit, aber ohne Plastik!

Von Susan Künzel

Es werden ihrer mehr und mehr. Sie laufen mit Baumwollbeuteln herum, auf denen steht: „Das hätte ich vor ein paar Wochen auch nicht gedacht, dass ich jetzt mit so ´ner Baumwolltasche rumlaufe.“ Und sie genießen es. Sie lassen sich beim Bäcker das Brot direkt hineinlegen, packen auf dem Wochenmarkt das Bund Schnittlauch dazu und holen noch kleine Gläschen für die Nüsse und die Fassbutter hervor. Sie nehmen sich eine Auszeit zum Einkaufen. Und Sie lustwandeln in Geschäften, die ihre Waren ohne Verpackungen anbieten. Dort begutachten sie die Nudeln, Nüsse, Gewürze und die zig Sorten Müsli in den großen Spendern, sogenannten Bulk Bins. Sie entscheiden nicht nach hübschen Bildchen mit Kindern, die strahlen, weil sie das erste Mal an einem Werbefotoshooting teilnehmen durften, nicht nach bunten Buchstaben, die von zugesetzten Vitaminen und angeblich reduziertem Zucker preisen, sondern nach Produktaussehen und der Zutatenliste, die vorne am Container klebt. Und füllen es in ihre mitgebrachten Dosen ab. Sie wählen ein paar kleine Tomaten aus einem der Körbchen und müssen nicht das Doppelte nehmen, nur weil es in einer Packung eingeschweißt ist. Sie schnuppern in Glaskaraffen mit den Körper- und Haarseifestückchen und verstauen ein Stück im Mini-Stoffbeutelchen. Und wenn sie dann kein Gefäß mehr haben, um Öl und Essig aus den Edelstahlbehältern zu zapfen, nehmen sie eine der Pfandflaschen mit Keramik-Bügelverschluss.lieb_160705_dsc9230lieb_160705_dsc9212Slow buy

„Die Kunden nehmen sich Zeit. Sie genießen es, Ruhe zu finden beim Einkauf. Ich frage oft, ob ich beim Abfüllen helfen kann, und sie sagen: Nein, ich möchte es selbst machen“, erzählt Pierre Mischke in seinem kleinen neuen Laden „Einfach Unverpackt“ in der Leipziger Südvorstadt. Und fährt begeistert fort: „Natürlich ging es uns vorrangig darum, Verpackungen, vor allem Plastik, zu vermeiden. Aber uns ist ebenso wichtig, wieder Bewusstsein für Lebensmittel zu schaffen, dass man Lebensmittel und Alltagsprodukte mit Bedacht auswählt, sich Zeit nimmt und nur so viel kauft, wie man auch wirklich braucht. Auch da soll Wegwerfen vermieden werden.“lieb_160705_dsc9271Die Unverpackt-Läden sind ein großer neuer Trend hierzulande. Alle ein bis zwei Monate wird ein neuer gegründet, etwa 20 gibt es aktuell in Deutschland. Und doch hat unser wohlhabendes, vorbildlich mülltrennendes Bundesbürgertum lang gebraucht, dieses Modell für sich zu entdecken. In England, Frankreich, Spanien gibt es solche Geschäfte schon fast 10 Jahre, in Kanada sogar schon seit den 1980er Jahren. Die Gründe für diesen neuen Trend sind möglicherweise sehr unterschiedlich: Die Franzosen frönen dem Genuss, möchten lecker essen, nehmen sich Zeit und zahlen auch gern mehr für gutes Essen, wenn sie wissen, das die Frucht am Baum statt auf der Reise gereift ist, wenn das Rind die Wiese statt nur einen Trockenfuttertrog vor der nassen Nase hatte. Sie wertschätzen gute Nahrungsmittel und sie zahlen für diesen Wert. Damit Verpackungsmüll zu reduzieren ist auch fein. In Deutschland wird für Essen nicht so wertschätzend Geld ausgegeben, viel Essen für wenig Geld gilt weithin als Devise. Der Trend zu Unverpacktem folgt dem Ansinnen nach Nachhaltigkeit und auch solchen neuen Studiengängen, begleitet von Werten wie Regionalität, Saisonalität und Entschleunigung. Vielleicht ist des Deutschen Tugend und Disziplin beteiligt, vielleicht kollektives Gedächtnis, denn die Alten kennen es ja noch vom Krämerladen früher, vielleicht ist es auch Antwort auf Überfluss und Müllhandel, der mit der Globalisierung einher marschiert. Damit dem Essen mehr Zeit und Liebe zu schenken, ist auch fein.

Lose Ware inspiriert

Der 33jährige frischgebackene Ladeninhaber schätzt Lebensmittel schon von Berufs wegen, er ist gelernter Koch, hat auch als stellvertretender Küchenchef in der Weinwirtschaft gearbeitet, später in einer Kantine.In dieser Zeit entstand die Idee, etwas neues zu starten.lieb_160705_dsc9281 „Wenn man alle zwei Tage Plastikmüll runterbringt, ist man es irgendwann leid“, umreißt Pierre Mischke den Auslöser, Unverpacktes zu seinem Lebensinhalt zu erklären. Heute trägt er zu Hause nur noch alle zwei bis drei Monate Plastikmüll runter. Und hat sich keine größere Tonne zugelegt.

Pierre und seine Freundin Christin waren von den anderen Unverpackt-Läden inspiriert und nutzten das Wochenend-Seminar der Berliner Vorzeige-Verpackungsvermeider für viele wichtige Anstöße. Christin ist Marketingfachfrau und Pierre emotional wie fachlich seine größte Stütze. Ebenfalls sehr hilfreich war und ist das Netzwerk aller Unverpackt-Läden. Sie tauschen sich aus über Probleme, Ideen und helfen Neugründern. Es gibt keine Konkurrenz, sondern ein Miteinander, sie eint das Ziel von weniger Müll und mehr Bewusstsein für Lebensmittel. „Dafür bräuchte es mindestens einen Laden in jedem Stadtteil“, sagen Berliner wie Leipziger. Gute Lebensmittel sind schließlich Grundversorgung. Auch kann nur so der Druck auf die großen Märkte und ihre Verpackungskonzepte erhöht werden.

„Ein Leben ohne Plastik

… ist möglich“, schreiben Anneliese Bunk und Nadine Schubert in ihrem Buch „Besser leben ohne Plastik“, das auch in Pierres Laden ausliegt. Sie geben viele Tipps und Rezepte, Plastik einzusparen, die meisten davon wirklich einfach und schnell realisierbar: Basistomatensoße, um keine in Tetrapacks und auch keine neuen Gläser kaufen zu müssen (und zu wissen, was tatsächlich drin ist), Peeling oder Zahncreme ohne Plastikteilchen, Babyfeuchttücher aus Küchenrolle mit Kokosöl, Selfcycling, sprich vorhandene Behältnisse umnutzen und wieder verwenden. Pierre selbst resümiert, dass er jetzt mit dem ganzen Laden weniger Plastemüll entsorgen muss als noch vor zwei Jahren zu Hause. Und auch im Badezimmer ist auf einmal so viel Platz, seit nicht mehr 20 Tuben sondern nur 3 dastehen.

lieb_160705_dsc9224Pierre Mischkes erster Tipp ist, auch beim normalen Supermarkteinkauf auf die Plastiktütchen zu verzichten, Obst und Gemüse ohne Tüte zu wiegen und zur Kasse zu bringen. Und den vielleicht genervten Blick der Kassiererin auszuhalten.

11.700 Tüten pro Minute

Jeder Deutsche verwendet jährlich im Schnitt 65 der ach so praktischen Einwegplastiktüten. Bundesweit sind das über sechs Milliarden Plastiktüten im Jahr oder 11.700 pro Minute. Weltweit bringt es die Menschheit auf eine halbe Billion Plastiktüten jährlich. Das ist eine Fünf mit 11 Nullen! Ist die Tüte einmal da, werden wir sie so schnell nicht wieder los. Im Schnitt eine halbe Stunde benutzt, braucht sie dann 400 Jahre, bis sie durch Sonne, Wind und Wellen auf die Größe eines Sandkorns zerteilt wird. Und nebenbei ihre Weichmacher und Flammschutzmittel freigesetzt. Und alles ist dann immer noch da, macht krank, beeinflusst hormonell und genetisch Mensch und Tier, verhärtet den Meeresboden. Es gibt heute schon sechs Mal mehr Plastik als Plankton im Meer, entsprechend fressen Fische oft auch ersteres. Wenn sie dann nicht direkt mit vollem Magen verhungern, sondern bis zum nächsten Fang überleben, bekommen unsere Kindeskinder möglicherweise Reste unseres Plastikwahns auf dem Teller serviert zurück. War es das, was wir in der Schule als Nahrungsketten lernten?

Die schlappen 400 Jahre, bis die Plastik zerlegt ist, vergrößert sie den drei Millionen Kilogramm schweren Plastikteppich zwischen Kalifornien und Hawai. Oder den im Roten Meer, dem Atlantik, dem Südpazifik, dem Indischen Ozean. Oder erstickt und erdrosselt die Meeresbewohner.

Nun mögen Vertreter unseres durchdachten deutschen Abfallwirtschaftssystems sagen, dass hierzulande keine Plastiktüte mehr auf einer Deponie landet und somit auch nicht mehr die Umwelt und die Meere belasten kann. Stimmt. Laut Umweltbundesamt werden „alle Tüten, die als Abfall entsorgt werden, stofflich oder energetisch verwertet.“ Ersteres heißt recyceln und ist teuer, auch aufgrund der vielen Kunststoffarten. Zweiteres heißt verbrennen, ist lukrativer und sehr verbreitet. Die hineingeflossenen Ressourcen wie Erdöl und Energie verpuffen in einem Hauch Wärme. Ein beträchtlicher Teil Tüten landet aber leider nicht im Abfall, sondern doch in der Umwelt, unterwegs achtlos weggeworfen und vom Winde verweht.

Und warum reden alle von den Plastiktütchen? Sie machen nur 0,71% des deutschen Kunststoffverbrauchs aus, im Jahr 2011 „nur“ 68.000 Tonnen. Doch sind diese paar Tonnen eben riesige Stückzahlen! Und letztlich stehen Plastiktüten symbolhaft für die Wegwerfmentalität. Auch unser geliebter Fleecepullover spült bei jeder Wäsche bis zu 2000 seiner Kunstfasern in die Meeresumwelt. Die Klärwerke können diese wie auch die Plastikteilchen aus Funktionskleidung, Peelings, Zahncremes und vielem mehr nicht herausfiltern.

Müll-to-go

Sehr durststillend wirkt die Zahl von rund 320.000 Coffee-to-go-Bechern, die wir Deutschen pro Stunde in den Müll werfen. Ich wiederhole: pro Stunde. Und aufgemerkt: in den Plastikmüll; wegen der innenseitigen Plastikbeschichtung! Ganze 2,8 Milliarden jährlich – laut Deutscher Umwelthilfe. Die Herstellung der Becher verbraucht 1,5 Milliarden Liter Wasser, 43.000 Bäume werden pro Jahr für Pappbecher gefällt. 11.000 Tonnen Kunststoff fallen für die Beschichtung und die Plastikdeckel an. 83.000 Tonnen CO2-Emissionen entstehen bei der Produktion. Hitze und Fett lösen übrigens hervorragend die Weichmacher und Polymere heraus. Guten Appetit! Ganz radikale Kaffeetrinker fangen an, ihren Kaffee sitzend aus einer Tasse zu trinken!lieb_160705_dsc9248Eine Kaffeeecke will auch Pierre Mischke in seinem Laden einrichten, zum Verweilen, zum Genießen der kleinen Snacks, die er – seiner Kochleidenschaft frönend – schon bald anbieten wird. Und um fachzusimpeln, mit denen, die aus ökologischer Grundüberzeugung kommen, und denen, die um die Ecke wohnen und mal neugierig reinschauen. Mit den Alten, die sich hier an ihre Kindheit erinnert fühlen, und mit den Studenten, die auch gerne Pierres Kochbeutel mit Rezept und passgenauen Zutaten – plastikfrei verpackt natürlich – probieren. Eine Kundin aus Düsseldorf erzählte, sie schaue immer, wenn sie unterwegs sei, nach Unverpackt-Läden und nimmt dafür eine extra Tasche mit auf Reisen. Manche Kunden machen erst nur einen Rundgang, kaufen eine Anstandskleinigkeit. Meist kommen sie wieder, kaufen dann auch mehr. Sehr oft fragen sie nach Produkten, deren Herkunft und Geschichte. Pierre priorisiert nach Sinnhaftigkeit der Produkte und Gebindemaßen, erst folgend zählen Regionalität und Bio. Somit bezieht er zum Beispiel Eier nicht vom Leipziger Umland sondern aus 60 Kilometer Entfernung, weil dort die Bruderhähne leben dürfen. Ich frage nach den Warenspendern: „Die sind aus Plastik, aber frei von Weichmachern.“ Nach Mindesthaltbarkeitsdaten: „Die sind überall notiert, jedes Gefäß wird komplett geleert, gereinigt, neu befüllt und neu ausgezeichnet.“ Nach unverpackter Butter und Käse: „Die Dose bleibt auf der Theke stehen, bei mir ist die saubere Seite, die Waage ist in der Mitte, auf Kundenseite ist die … nun ja, eben ‚andere` Seite“, erklärt Pierre die lebensmittelrechtlichen Vorschriften. Und ergänzt: „So wäre es eigentlich auch im normalen Supermarkt möglich.“ Alle Kundenwünsche kann er freilich nicht erfüllen: „Glutenfreie Produkte kann ich nicht anbieten, dazu bräuchte ich quasi einen extra Raum, damit nicht Spuren vom Nachbarspender das Glutenfreie kontaminieren“. Welch großes Wort. Kurz vor der Verabschiedung kommt der Milchmann und trägt schwer an den Kästen mit Glasflaschen-Milch und –Joghurt. Sie diskutieren dann über einen Milchautomaten.

Für die Kunden, die weniger Zeit haben und nicht plauschen wollen, bietet er einen Befüllservice an: Kunden geben ihren Einkaufszettel und ihre Gefäße ab und holen sich später den zusammengestellten Einkauf ab. Pierre möchte zeigen, dass so ziemlich der gesamte Einkauf in seinem Laden möglich ist. Plastikfrei! Und er möchte seinen Kunden entgegen kommen, möchte den Einstieg oder Umstieg erleichtern. Seinen Einstieg in die Selbstständigkeit hat schließlich auch seine Kundschaft erleichtert. Bei der Crowdfunding-Aktion kamen über 22.000 Euro zusammen, 521 Unterstützer bezeugten das Interesse auf Kundenseite. Und es werden ihrer mehr und mehr.lieb_160705_dsc9285PS: Verzichten ist genießen. Nur wer verzichten kann, kann auch genießen. Verzichten ist Privatvergnügen: über Bedürfnisse nachdenken, sich von deren Befriedigung lösen. Sich die Freiheit nehmen, mal darauf zu verzichten. Sich Zeit nehmen für bisher Nebensächliches. Genau hinschauen auf bisher Selbstverständliches. Es wird in jedem Falle ein Gewinn sein – an Freiheit, an Selbstwert, an Wahrnehmung. Und ein Gewinn für die Welt. Denn Verzichten ist eben nicht nur Privatvergnügen: Ohne Verzicht können wir in unserer Welt wohl kaum überleben.

Fotos: Sabrina Lieb

Lektorat: Susanne Wallbaum

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