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Tragende Fragmente

Jens Schwotzer glaubt an das Lebensmittelhandwerk und bietet Regionales feil. Sein Eckladen in Leipzig-Schleußig ist ein Kommunikationspunkt im Kiez.

Von Jana Dichelle

Man kann nicht alles haben. Das gilt auch für Jens Schwotzers Schleußiger Laden. Was man bei ihm kriegt, sind handwerklich hergestellte Lebensmittel, und zwar von mitteldeutschen Kleinproduzenten. Schokolade und Kaffee sind einheimisch veredelt, und der Käse aus der Uckermark hat Glück gehabt. „Ein Vollsortiment werde ich niemals anbieten“, bekennt sich der gebürtige Vogtländer zu seinem fragmentarischen Ansatz.

Auf Höfen rumschnorcheln

Der Kundschaft soll es Recht sein. Sie hält dem Ladenbesitzer seit nunmehr dreizehn Jahren die Treue – und greift für aufwändig hergestellte Lebensmittel auch tiefer in die Tasche. An diesem heißen Frühsommertag geht Bier am besten, von Fattigauer über Fiedler und Gersdorfer werden kistenweise Biersorten aus dem Laden getragen, die nicht jeder hat. „Bei Milch ist es schwieriger, da lässt sich der Bedarf nicht so gut planen.“ Er bezieht sie von der Hofmolkerei Bennewitz. Sein Lieblingsprodukt ist Salami vom Thüringer Wildhof Wittig.  „Damit hat alles angefangen, mit der Hirschsalami“, erzählt er, der schon immer gern „auf Höfen herumgeschnorchelt“ ist und nun keine Ausrede mehr dafür braucht: Man kommt ja ins Geschäft.

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Lernen und Lehren

Überall lernt er dazu: Dass sich naturbelassener Sanddornsaft absetzt, weil er ölhaltig ist, welche Zusatzstoffe im konventionellen Bier laut Reinheitsgebot gar nicht deklariert werden müssen, dass gute Fleischer auf Hefeextrakt in der Wurst verzichten. Seinen Kunden vermittelt er, dass 25 Cent für ein Ei preiswert sind, wenn das Ei vom glücklichen Huhn stammt (schmeckt man auch), oder dass wenige Scheiben seiner Salami auf dem Brot mehr ausrichten als viele Scheiben aus dem Supermarkt.

Die Elster runtergeschwommen

Mit seinem proREGIONAL-Laden hat Jens Schwotzer, der einst in Jena als Werbefilmer seine Brötchen verdient hatte, seine Berufung gefunden – nachdem ihm das Leben zuvor einige Schrammen zugefügt hatte: Erst musste er sich nach einem Unfall wieder ins Leben zurückkämpfen, dann war er der Liebe halber in die Stadt Gera umgezogen, deren Stadtmarketing gewiss nicht Jens Schwotzers treffenden Slogan „Industriestadt ohne Industrie“ übernehmen würde. Dort sah es mau aus mit Werbung, so dass er „kurz mal“ als Fahrradkurier anheuerte. Daraus wurden anderthalb Jahre, nur, um nicht arbeitslos zu sein. In dieser Zeit reifte die Idee mit dem Laden. „Ich bin sozusagen die Elster runtergeschwommen: Vom Vogtland über Gera bis nach Leipzig.“ 2005 ließ er sich in der Leipziger Südvorstadt nieder, sechs Jahre später zog er nach Schleußig um.

Die Logistik funktioniert mitunter auf Zuruf: „Wenn jemand vom Ziegenhof die Oma nach Leipzig zum Zug bringt, fragen sie bei mir an, ob sie was bringen sollen.“ Auch seinen Vater hat Jens Schwotzer eingespannt, der einen Teil der Ware auf seinem Arbeitsweg  einlädt. So umgeht der Wahl-Markkleeberger den Großhandel – und spart. Abgesehen davon, dass der Großhandel ohnehin höchstens fünf Prozent dessen führt, was er in seinen Laden anbietet.

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Mit dem Kaffeepot auf der Lauer

Anfangs sah es gar nicht so aus, als sollte es der Eckladen in der Schnorrstraße werden. Zu heruntergekommen, abgehängte Decken, zuletzt hatten darin zwei Russen ein, nun ja, Import-Export-Geschäft betrieben. Doch ein Freund, dem der Fahrradladen gegenüber gehört, hielt den Laden für eine gute Partie und ließ nicht locker. Und so legte sich Jens Schwotzer (nicht etwa Lehmann) eines Sonnabends mit einer Tasse Kaffee auf die Lauer und beobachtete den Passantenstrom. Und siehe da, die Seitenstraße pulsierte. Das lag (und liegt) vor allem an der Handwerksbäckerei zwei Häuser weiter, die vom alten Schlag und über die Schleußiger Grenzen hinaus berühmt ist.

Plausch beim Einkauf im Eckladen

Der Bäckerei hat er dann seinen Eckladen zur Seite gestellt, der nach und nach zu einem Kommunikationspunkt fürs Kiez wurde. Zwar ist der Laden in C-Lage, aber in jenem Leipziger Viertel, das wie der Prenzlauer Berg anmutet: Lauf- oder Fahrrad sind die Fortbewegungsmittel der Wahl, man gewandet sich in nordische Labels und verschafft den Spielzeug-, Buch- und Bioläden regen Zulauf. „Der Bildungsstand ist hoch“, ist ihm bewusst, und er schätzt die Gespräche, die sich von ganz allein ergeben.

Reich wird er nicht, aber es reicht. Und dank seiner kaufmännischen Lehre erspart die Axt im Haus den Zimmermann, wenn es um die Buchführung geht. Den Idealismus teilt er mit den Erzeugern: „Handwerkliche Lebensmittelproduktion, gerade mit Tieren, verlangt viel Idealismus. Die Hälfte meiner Zulieferer denkt ans Aufgeben. Sie haben kein Wochenende und ohne Angestellte gibt’s auch keine Ferien. Unterm Strich fällt wenig ab.“ Die Schieflage, ausgelöst durch die industrielle Landwirtschaft mit ihrer Massentierhaltung und ihren Monokulturen, ist ihm schmerzlich bewusst: „Würde ein Alien unsere Felder in Augenschein nehmen, müsste er annehmen, dass wir uns allesamt von Mais und Raps ernähren“, sinniert Jens Schwotzer, und gibt zu bedenken, dass Menschen hierzulande ihren Autos häufig teures Öl, sich selbst jedoch nur das billigste gönnen.

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Stammkunden in C-Lage

Bei seinen Kunden – er bedient zu 80 Prozent Stammkundschaft – rennt er offene Türen ein mit seiner Lebensmittelphilosophie. Auf beiden Seiten des Ladentisches steht der Wunsch nach einem vernünftigen Umgang mit der Natur und ihren Produkten, dass den Dingen Zeit gegeben wird, dass Blattsalat oder Spargel in der Zeit auf den Tisch kommen, in der sie wachsen, dass das Handwerk seinen Platz behauptet.

Das Umdenken mag sich günstig auswirken – dennoch bleibt das Lebensmittelhandwerk auf absehbare Zeit ein Schatten seines früheren Selbst. Ein Fragment, das sich im Laden ohne Vollsortiment widerspiegelt. Und bewusst oder unbewusst: Sogar die Ladengestaltung ist fragmentarisch. Beim Renovieren legte Jens Schwotzer mit seinen Mitstreitern alten Stuck und die ursprüngliche Farbschicht frei: Hellgrün mit dunkelgrünen Schablonenelementen. Er hat nur ein paar Stellen restauriert. Fragmente eben.

 

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