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Spürt nach !

Helene Könau zog durch die halbe Welt. Auf der Suche nach Auseinandersetzung, Selbsterkenntnis, nach ihrem Platz im bewegten Leben. Und natürlich landete sie in Leipzig. Lernend und lehrend bewegt sie Körper, Geist und Seele.

Von Susan Künzel

Ich liege auf der Matte und spüre nach. Ich lausche der warmen Stimme, die sagt: „Stellt euch darauf ein, dass alles, was in Bewegung geraten ist, jetzt Zeit und Raum hat, sich zu lösen oder in euch zur Ruhe zu kommen.“ Helene ist meine fünfte Yogalehrerin. Und die Jüngste. Und die Wissendste, wie ich empfinde, wenn ich so nachspüre.

Aufmerksam sein, auf den Körper und seine Bedürfnisse hören, hinfühlen und hineinspüren – das bringt sie ihren Yogaschützlingen bei. Denn das war es auch, was ihr geholfen hat, als sie 17 Jahre alt war, von starkem und andauerndem Kopfweh geplagt, und die Kinderärztin letztlich zu Yoga riet. Und das ist es noch immer, was sie stabilisiert, was sie weitermachen lässt, wenn sie zu verzagen droht, oder ihr den Weg weist an Kreuzungen mit zu vielen Möglichkeiten.

Yogala_Helene_Kopf

Ihre Mutter sagte einst: „Wenn du eine Sechs bekommst, gehe ich mit dir Eis essen.“ Dieses Eis hatte Helene Könau nie bekommen.

„Das Selbst ist mehr als die Persönlichkeit, die man denken kann.“

Helene Könau hat mit Ihren 27 Jahren schon einiges von der Welt gesehen und sich ein Bild gemacht. Als Redakteurskind im Berliner Prenzlauer Berg geboren, suchte sie immer wieder nach Ausdrucksmöglichkeiten für ihre künstlerische Ader und für die kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, mit Macht, Ungerechtigkeit und Diskriminierung. In Frankfurt/Oder studierte sie Kulturwissenschaften und fand Wissen und Worte für ihr Empfinden. Bei einem Europäischen Freiwilligendienst in Litauen verband sie Wissen und Tun und arbeitete zehn Monate in einer Theatergruppe mit körperlich und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Und Yoga half ihr, das fettige litauische Essen zu verdauen. Protestierend in Belgien in der Zeit um den 15. Mai 2011 drängte es sie in politische Strukturen und revolutionierende Kräfte. „Ich konnte mich verlieren in den Diskussionen, in Büchern.“ Yoga stabilisierte auch da, half ihr, sich selbst in diesen Zusammenhängen zu begreifen und veränderte ihre Sichtweise auf die Dinge: „Yoga ist Teil all dessen. Yoga kann auch Ausdrucksmedium für Kritik sein.“ Beim Auslandssemester in Belgien konkretisierte sie ihre intellektuelle Kritik an der „Hamsterrad“-Gesellschaft und auch an der „Hamsterrad“-Fitness. Und fällte die Entscheidung für eine Ausbildung zur Yogalehrerin – als ihren Weg, sich auszudrücken, einen Platz einzunehmen, etwas weiterzugeben.

„Spürt die Ganzkörpersonne in euch.“

Während ich nach dem Sonnengruß bäuchlings in einer Zwischenentspannung ruhe und versuche, an nichts zu denken außer der Sonne in mir, geht mein Geist dennoch spazieren – woher nimmt sie nur all die Worte? Immer passend, meist tiefsinnig, oft fantasievoll. Helene holt mich zurück: „Und wenn Gedanken kommen, begrüßt sie und lasst sie weiterziehen. Bewertet sie nicht, schenkt ihnen ein Lächeln und schickt sie weiter.“ Außerdem erklärt sie, dass sie wie ein Sprachrohr ist, die Worte kommen zu ihr, wollen gesagt werden, erklären oder verstärken die Übung.

Yogagruppe im Bewegungsraum am Karl-Heine-Kanal

Yogagruppe im Bewegungsraum am Karl-Heine-Kanal

Sie sammelte Yogaerfahrungen immer und überall. Zurück in Berlin mit dem Bachelor in der Tasche, blieb sie ihrem alten Yogastudio treu, vier, fünf Mal die Woche. „Leben ist Bewegung. Bewegung ist Leben“, hält sie sich an Leonardo da Vinci. Sie fertigte Notizen von jeder Stunde, was sie gut fand, was sie anders machen würde. Genau dieses zu verfolgen, machte sie sich nun auf den Weg. Beraten und unterstützt von Ihrer Berliner Yogalehrerin. Finanziert durch ihr Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache.

„Etwas Sinnvolles, aber nicht unbedingt Nützliches tun“

Im August 2012 ging Helene nach Indien, zwei Wochen einfühlen in die 14-Millionen-Metropole Kalkutta. 14 Tage dauerte es auch, den Kulturschock zu verdauen. Doch wie so viele andere konnte auch sie hinter dem Elend, der bitteren Armut und dem verrückten Lärm das positive Lebensgefühl der Menschen entdecken. Anschließend in Nepal empfang sie eine Freundin, um gemeinsam weitere fünf Wochen in die Kultur einzutauchen. Trecking im Himalaya – die Freundin schaute Helene rauchend und Kaffee schlürfend beim allmorgendlichen Yoga zu. Unterwegs per TukTuk – Helene schaute den älteren Leuten beim Lachyoga zu. „Die betreiben Tempelpflege bis ins hohe Alter. Die haben einen anderen Umgang damit. (Mit Tempel ist der eigene Körper gemeint.)“ In der Pilgerstadt Haridwar feierte sie zu Ehren Ganeshs, des Elefantengottes und Überwinders aller Hindernisse – komplett von grünem Farbpulver überzogen. „Dort tanzten fast nur Männer und junge Mädchen. Für Frauen schien es unsittlich zu sein.“

Ganesh-Feierlichkeiten in Haridwar

Ganesh-Feierlichkeiten in Haridwar

Yoga praktizierte Helene überall, lachend oder meditierend, allein oder mit anderen, auf der Wiese, im Ashram. Um Yoga unterrichten zu lernen, ging sie dann nach Netala. Bei Uttarkashi, einem malerischen Ort im Norden, nahe Rishikesh gelegen – der Pilger und Touristen anziehenden ‚Yoga-Hauptstadt’. „Natürlich war ich im Ganges. Der war kalt. Und sauber.“ Doch Singen ab fünf Uhr dreißig morgens, Essen nur 10 und 18 Uhr, Tage komplett gefüllt mit Meditation, Philosophie, Gebeten, Sanskrit, geistigen und körperlichen Übungen riefen sogar bei Helene zu Beginn leichte Abwehr hervor: „Oh Gott, was geht denn hier ab. Das halt ich nicht aus.“ Doch sie hielt es aus und mehr als das.

Mit überkreuzten Beinen im Klassenzimmer direkt am Ganges

Mit überkreuzten Beinen im Klassenzimmer direkt am Ganges

Ausflug zu einer der vier Gangesquellen im Rahmen der Ausbildung zur Yogalehrerin

„Und da, wo du nicht mehr wissen kannst, kommt die Erleuchtung.“

Nach einem Monat Sivananda-Yoga-Lernen in Netala war sie auf dem Weg zu Selbsterkenntnis und innerem Frieden ein Stück weiter, aber noch nicht am Ende des Wissens (Vedanta) angekommen. Sie entschied sich für einen Intensivkurs Tantra-Yoga, das Erleuchtung nicht durch Rückzug, sondern durch das Leben in dieser Welt sucht – sinnliches und sexuelles Vergnügen nicht ausschließend. Das aber vor allem viel Energie freisetzt und in Richtung Bewusstwerdung bündelt. Viel Philosophie, viel Energiearbeit, viele Rituale und Zeremonien neben den körperlichen Übungen und Meditationen füllten auch hier ihre Tage aus.

Wieder in Deutschland war Helene auf dem Wege der Erleuchtung festgefahren. Die Weitgereiste war verunsichert: „In mir kämpften total viele Perspektiven, die nicht zusammenpassten. Kritik an Gesellschaft und Kapitalismus auf der einen Seite. Begeisterung, Teil des Ganzen zu sein, auf weggebendes Wissen zu bauen auf der anderen.“ Vier Stunden Yoga täglich (!) halfen zur Selbstfindung: Sie will körperlich bleiben, am Konkreten sein. Sie will am Menschen arbeiten, will heilen können, vielleicht Heilpraktikerin, Osteopathin, Therapeutin werden. Und sie will eine Zulassung zur Kassenabrechnung. Im August 2013 startete sie mit der Ausbildung zur Physiotherapeutin.

„Das, was dich ärgert, kann dir viel beibringen.“

Derzeit hat Helene lange Tage. In der schönen Umgebung von Brandis absolviert sie den „normalen“, wie sie sagt, Unterricht eines physiotherapeutischen Praktikums. Sie erfreut sich an der Natur, an ihrer guten Mentorin, weniger an dem durch Fahrtzeiten geprägten 11-Stunden-Tag. Damit nicht genug bildet sie sich weiterhin in der Yogatherapie fort. Nach der Kriba-Methode lernt sie seit Oktober 2014 spiralige Bewegungen, Dehnen des Bindegewebes und Trainieren tieferer Muskelschichten. Ausgleichend (und die Kosten deckend) bietet sie Massagen an und gibt abends Yogakurse – für Kinder und Eltern und Nichteltern, an der Volkshochschule, in einem wunderbar renovierten Bewegungsraum am Karl-Heine-Kanal und auch mal im Park.

Zudem erprobt sie sich in Authentischer Kommunikation. Drei Wochenendseminare bereits lernte und übte sie, so offen, ehrlich, wesentlich, weise und herzlich zu sein, wie sie es eben für richtig hält in der jeweiligen Situation. „Man kommt Selbstsabotagetechniken auf die Schliche, lernt über seinen Schatten zu springen und sich auch mal bewusst dazu zu entscheiden, ein Bild aufrecht zu erhalten“, empfiehlt Helene wärmstens diese Horizonterweiterung.

Und ist sie mit sich selbst im Reinen? „Nicht immer, aber immer öfter. Ich öffne mich leichter. Vieles wird mir schneller bewusst.“ Durch Yoga und auch durch das Studium, die vielen Erfahrungen und zusätzlichen Ausbildungen ist sie weniger im Zweifel, ist sie mehr im Leben. Sie ist auf dem Weg, sich selbst komplett anzunehmen, nichts herauszustellen oder abzuschneiden. Und auch nicht gesellschaftlichen Zwängen, Normen oder Meinungen zu erliegen. „Mutig bin ich“, auch auf dem Weg authentisch zu sein.

Yogala_Helene_Hund

“Die Idee von Yoga ist, irgendwann keine Anstrengung mehr zu spüren. Und das nicht nur beim Ausüben von Yoga, sondern im ganzen Alltag. Alles ist Yoga“, sagt Helene. („Ob es dann nicht mehr anstrengend ist oder man die Anstrengung nicht mehr wahrnimmt, weiß ich auch noch nicht. Aber ich lasse es euch wissen, wenn ich es weiß.“)

„Anstrengungen gebt ihr einfach an den Boden ab.“

So werden auch die Yogakurse der erfahrenen, extrem beweglichen jungen Frau immer intensiver. Nicht im Sinne von körperlich anstrengend, eher im Sinne von aufmerksam, sanft, beobachtend. Sie kombiniert Sivananda, Tantra, Hatha, Kriba, Feldenkrais, Qi Gong, Physiotherapie. Sie verbindet die Kulturwissenschaften mit der Gesellschaftskritik, die Bewegungsliebe mit der Lebensfreude, die Haltung mit der Authentizität. Sie bietet Yoga als „bewegende Suche, als Raum für Experimente, als Aufforderung, die eigene Intuition (wieder) hören zu lernen.“

Und so bändige ich neben Hund, Kobra, Adler, Fisch, Flieger noch die drei verschiedenen Schichten meiner Beckenbodenmuskulatur. Ich spiralisiere Beine und Arme. Ich stabilisiere meine Großzehenfußgelenke nach schräg-vorn-innen und die Fersen nach schräg-hinten-außen. Ich massiere meinen Entgiftungspunkt – Au. Ich lausche den Mantras, die auch wirken, wenn man die Worte nicht versteht. Ich singe mit – leicht nuschelnd – beim Sonnengruß. Ich liebe den Mondgruß, der für Annehmen steht. Ich beuge mich inzwischen mehrmals täglich tief nach vorn – um loszulassen.

 

Alle Zwischenüberschriften sind Zitate aus Helenes Yogastunden.

Lektorat: Susanne Wallbaum

Fotoaufnahmen: Susan Künzel und aus Privatbestand Helene Könau

 

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