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Lisa Kuhley weiß, wo der Hammer hängt

Reparieren statt Wegwerfen

Lisa Kuhley weiß, wo der Hammer hängt. Oder wie ein kaputter mp3-Player zu einem Konzept ins Morgen führt.

Von Susan Künzel

Der mp3-Player spielte nicht mehr und wollte sein Problem partout nicht offenbaren. Seine Besitzerin Lisa Kuhley hielt sich für technisch reichlich unbegabt. Jedoch – nach jahrelangem Studium der Kulturwissenschaften und abendelangen Diskussionen über globalisierte Müllverteilung, Wegwerfgesellschaft und Verschwendung kann sie ein solch ressourcenbefülltes Utensil nicht einfach der gelben Tonne übergeben. Hilfe zur Selbsthilfe in der Dr. Nerd Techniksprechstunde im Sublab Leipzig bescherte ihr Stolz und Bestätigung: „Ich kann das!“ Und einen wieder funktionierenden mp3-Player.

Seither fügten sich die Dinge zueinander: Sie stieß auf einen Artikel zu Repair Cafés in den Niederlanden. Ihre Freundin und Politologin Anne Neumann begeisterte sich ebenfalls dafür und fand ein Hausprojekt ganz in der Nähe. Dessen Macher hatten den Artikel scheinbar auch gelesen und suchten eine reparierende und bildende Unternehmung, um das Hinterhofgebäude zu beleben. Und zwar umgehend.

Eine Idee war geboren, ein Konzept erwuchs. Die gleichgesinnten Freundinnen wurden zu Geschäftspartnern und planten ihren eigenverantwortlichen und gesellschaftskritischen Lebensentwurf. Das Ziel: Einen Raum schaffen, kaputte Alltagsgegenstände zu reparieren statt sie wegzuwerfen. Flankierend wollen sie inspirieren und bilden und die nicht nur monetären Gründe für solches Handeln vermitteln. Ihr Verein leben.lernen.leipzig, mit Studienfreunden gegründet, liefert den Background. Eine selbstkreierte Spendenaktion ähnlich der Crowdfunding-Idee bringt sechstausend Euro in drei Monaten. Offenbar rannten sie mit dem Thema Reparieren statt Wegwerfen offene Türen ein.

Cafekaputt_Eingang_offen

Fast schwieriger als die Gewinnung von Basiskapital gestaltete sich die Basis-Bildung. Eine ziemlich aufwändige Kontaktanbahnung verhalf schließlich Siebt- und Achtklässlern der Nachbarschaftsschule Leipzig und der Pestalozzi-Oberschule in Böhlitz-Ehrenberg zu einem schöpferischen Wahlunterricht bzw. Nachmittagsangebot. Gemeinsam mit den Jugendlichen erörterten die Jungunternehmerinnen die globalen Dimensionen der Elektronikmüllmengen und Überproduktion, feilten am Konzept, gestalteten die Räume, reparierten alte Stühle und Kleiderständer, schufen Aufsteller und Werbeflyer, suchten Helfer fürs Reparieren. „Mit den Schülern war es anstrengender als alleine“, resümiert Lisa „aber auch sehr viel anregender. Hat ja auch keiner behauptet, Bildungsarbeit sei einfach.“ Belohnt wurden die bildenden Anstrengungen beim Eröffnungsfest im Sommer 2014, das sie mit den Schülern gemeinsam organisiert haben.

Sehr persönliche und ganz globale Freuden

Und jetzt funktioniert das Café kaputt: Die „Besucher“ oder „Reparateure“ kommen mit ihren kaputten Werk- und Spielzeugen, Instrumenten und Haushaltsutensilien, Kleidungsstücken und Schuhen. Natürlich zur jeweiligen Reparatursprechstunde – unterteilt nach Dingen mit und ohne Stecker und Dingen textiler Art. Die spezialisierten „Helfer“ oder „Experten“ prüfen, geben Rat und Hilfe. Reparieren muss – oder, besser gesagt – darf der Besucher selbst. Viel Verlorengeglaubtes wurde schon wiederbelebt, viele Mysterien geplanter Obsoleszenz wurden gelöst, viel Elektronik, Schrott und Plastik dem „Müllhandel“ vorenthalten.

Cafekaputt_Helfer

Das Angebot ist kostenfrei. Doch die Besucher spenden gern – erfreut über das Ergebnis und die persönliche Horizonterweiterung. Die Verantwortung tragen die Besucher selbst, und nicht alles kann gerettet werden. Doch Raum für Diskussionen sowie einen Kaffee oder Tee gibt es allemal.Cafekaputt_Menschen

Lisa Kuhley hat viel zu organisieren: Als die Gründungspartnerin wegzog, musste sie das Koordinationsteam aufstocken; sie sorgt für Bundesfreiwilligenstellen, prüft die Maschinen, kümmert sich um Heizung, Raum und Materialien, liest Versicherungsbedingungen, wirbt um Fördergelder (wobei ihr eine institutionelle Förderung am liebsten wäre). Und natürlich hat sie Helfer zu koordinieren. Ihrer sind es derzeit 17, pro Reparatursprechstunde 1 bis 5. Lisa Kuhley schätzt jeden von ihnen – es sind Rentner und Studenten, Arbeitssuchende und Lebenserfahrene, Bastelfreunde und gesellschaftskritische Nichtwegwerfer. Sie verschenken ihre Zeit und ihr Können, bestätigt durch den Dank der Besucher und die Freude, Müll zu vermeiden. Und es braucht noch mehr von ihnen. Wer sich also angesprochen fühlt, möge Kontakt aufnehmen.

Cafekaputt_Tasse

Lebende Visionen

„Meine Sinnfrage, was ich mit meinem Studium-Abschluss anfange, fand ich mit diesem Projekt beantwortet“, sinniert die aus Kassel Stammende, die es nach ihrem Europäischen Freiwilligenjahr in Estland nach Leipzig verschlagen hat. „Es fühlt sich richtig an, einige der mir wichtigen Themen lebe ich. Theoretisch und handwerklich.“ Neben dem Café kaputt bei leben.lernen.leipzig e.V. engagiert sich die 29-Jährige auch für das Projekt WELTbewusst von der BUNDjugend e.V.

Lisa Kuhleys Motivation ist ungebrochen, ebenso wie die Hoffnung, das Café kaputt möge sich von allein tragen. Davon zu leben ist schwierig, doch sie kommt mit wenig aus. „In Leipzig lebt man günstig, viel Kultur für wenig Geld, wohnen in der WG. Das Reparieren spart auch so manches“, fährt sie schmunzelnd fort. „Mittels Tausch von Babysitting gegen Yogakurs gönne ich mir das, was ich noch brauche. Und freitags hab ich frei.“ Das Weiterdenken und Spinnen an Projekten ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Lisa hat etliche Eisen im Feuer – sie bildet sich weiter im Coaching, in kooperativer und Team-Konflikt-Beratung, ist seit 2014 Betzavta-Trainerin. Sie wird den Cafè kaputt Blog ausbauen, der dann die vielfältigen Reparierangebote in Leipzig listen und per Karte zugänglich machen soll. Sie vermittelt „Lebende Visionen“ von alternativem, nicht nur wachstumsorientiertem Wirtschaften bei Stadtrundgängen im Leipziger Westen.

Das Leben ist zu kostbar, um es mit Anpassung zu verschwenden.

Doch die Verantwortung zehrt. „Ich war von Anfang an selbstständig. Vielleicht lass ich mich doch eines Tages mal anstellen, beim Verbraucherschutz, im Bioladen oder zur Beratung von Vereinen oder Projekten. Mal sehen.“ Die Liste ihrer Lieblings-themen ist lang: Neben Stadtteilentwicklung und Reparieren geht es ihr um emanzipatorische Bildung, um die sozialen und ökologischen Folgen globalisierten Konsums, um die Postwachstumsökonomie und so fort.Schuhe

Zur Lebensmaxime hat sie sich ein Zitat von Sten Nadolny aus „Selim oder die Gabe der Rede“ erkoren: “Das Leben ist zu kostbar, um es mit Anpassung zu verschwenden”. Entsprechend wiegelt sie fortgesetzt die Jugend auf: Finanziert aus Fördermitteln und Fonds bietet sie Workshops für Schulen an, zum Beispiel zu Herstellung und Bestandteilen von Handys, zu Abfall in Schulen oder zur Umweltbelastung einer Jeans. Sie vermittelt, lehrt und lernt, sie baut ihre pädagogischen Fähigkeiten aus, „Eltern und Lehrer sind jedenfalls begeistert“.

 

Lektorat: Susanne Wallbaum

Fotos: Café kaputt Team und Susan Künzel

 

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