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Neue Wege mit alten Mitteln

17 Jahre im Notarztwagen und zu oft war es zu spät. Jetzt ist Dr. med. Anke Görgner früher dran. Mit alten Verfahren. Und kämpft für das Zusammengehen von naturwissenschaftlicher Hochschulmedizin und traditioneller Naturheilkunde.

Von Susan Künzel 

Der heiße Begrüßungstee in den noch kühlen Praxisräumen schmeckt ausgesprochen lecker, ungewohnt, mit Fenchel und Balsamessig. „Ein Stärkungsmittel“, klärt mich die Ärztin für Naturheilkunde auf. Mir ist es recht und es soll sich noch als hilfreich erweisen für die intensive geistige Kost, die mich erwartet.

„Der Tod war mein ständiger Begleiter“, sagt Dr. med. Anke Görgner, die 17 Jahre per Notarztwagen unterwegs war und weiß, wie Krankheit aussieht. Und wie es ist, ein Leben zu retten. Die aber auch damals Fieberkrämpfe nicht nur mit Chemie, sondern auch mit kalten Wickeln löste. „Ach, die Görgnern schon wieder“, sagten die Kollegen, und sie ließ sich nicht beirren.

Der Wunsch, zu helfen, Ärztin zu werden, hatte sich sehr früh entwickelt. Schmerz – körperlicher Schmerz wie bei Rheuma und Arthritis – war in ihrer Familie ausgeprägt. So drängte sich ihr die Berufung fühlbar auf: „Ich wollte hinter das Geheimnis des Schmerzes kommen.“ Das Studium der Humanmedizin an der Universität Leipzig brachte so viel wunderbares Wissen und genügte ihr nicht. Mit der Facharztausbildung in Anästhesiologie intensivierte sie ihre Bestrebungen. Sie konnte Schmerzen lindern, sie konnte helfen. Aber es war nicht ausreichend. Die Fragen waren nicht beantwortet.

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“Was wird morgen sein?”

„Wir produzieren unsere Patienten selbst“

Aber die Erfahrungen waren enorm. Über 15.000 Notarzteinsätze und viele existentielle Entscheidungen – oft innerhalb von Minuten zu fällen – forderten all das Studierte ab und schulten die Intuition. Es gab wunderbare wie auch bittere Erfahrungen: Zu oft konnte die Ärztin nicht oder nicht ausreichend helfen. Weil es zu spät war. Weil man viel früher hätte genauer hinsehen und hinfühlen müssen, um Heilung zu erreichen, den Notfall zu verhindern. Oder weil es Fälle waren, in denen sich die schulmedizinischen Kenntnisse und pharmazeutischen Substanzen als ungeeignet erwiesen. „Wir produzieren unsere Patienten selbst durch den unkritischen Einsatz von Medikamenten“, konstatiert Dr. Görgner heute.

Gesund sein, werden, bleiben

Diese Einsichten führten sie weiter auf ihrer Suche nach Antworten. Sie wollte eher dran sein. „Ich wollte die Lücke schließen. Die Lücke, wenn Patienten mit ersten Befindlichkeitsstörungen zum Arzt kommen, es also etwas gibt, das nicht in Ordnung ist, das aber mittels Schulmedizin nicht nachweisbar ist, weshalb sie wieder heimgeschickt werden.“ Da wäre also der Moment, rechtzeitig zu sein, recht zeitig tätig zu werden. Bevor die Patienten zum Beispiel mit einer Magenschleimhautentzündung wiederkommen.

Es sollte ihrer Auffassung nach nicht mehr nur darum gehen, die Menschen gesund zu machen. Sondern vor allem darum, sie gesund zu erhalten. „Ein Auto wird regelmäßig gewartet. An einem Haus werden rechtzeitig Fenster gestrichen, das Dach geprüft, kleine Risse verputzt. Nicht erst, wenn es einzustürzen droht“, vergleicht die Ärztin. „Gesund sein, werden und bleiben – das ist die eigentliche Kunst.“ Und die Herausforderung.

"Herausforderungen"

“Herausforderungen”

Und Paracelsus sagte …

In weiterführenden Ausbildungen und Studien zur ganzheitlichen Medizin und zur Naturheilkunde stieß Dr. Görgner auf Paracelsus und eine Antwort zur Schmerz-Frage: „Wo die Natur einen Schmerz erzeugt, da hat sie schädliche Stoffe angesammelt und will sie entleeren.“ Sie könnte es im Schlaf rezitieren, es wird die Basis ihrer weiteren Arbeit.

Wenn die Natur es nicht schafft, die schädlichen Stoffe auszuleiten, kann der Arzt nachhelfen und damit Schmerz und Krankheit schnell heilen. Mit einfachen alten Mitteln wie dem Aderlass, der Blutegeltherapie, dem Schröpfen oder auch gezieltem Ausscheiden über Darm und Nieren oder Erbrechen werden die Körpersäfte reguliert. Schon vor über 5000 Jahren wurde in Mesopotamien geschröpft, die Methode war verbreitet in der abendländischen wie der chinesischen Medizin, auch die Wikinger haben mit hohlen Kuhhörnern geschröpft, die Afrikaner taten es mit hohlen Kürbissen.

Nunmehr mit Schröpfgläsern und seit über 15 Jahren wendet Dr. Görgner diese alten ausleitenden Verfahren an. Wissend um Vorbehalte und wissend um Erfolge. Erste Tests musste immer die Familie über sich ergehen lassen – die armen Malträtierten. Oder besser: die glücklich Gesunden. Denn die Besserung von Rheuma, Arthrosen, Allergien, Migräne, Bluthochdruck, Depressionen oder Verdauungsstörungen, um nur einige Beschwerden zu nennen, bezeugen Familie wie Patienten.

Wer braucht was?

Durch ihr Wissen, ihre Erfahrung, Übung und „Bauchgefühl“ weiß die heilkundige Ärztin, welcher Typ Mensch bei welchen Beschwerden welche Art Ausleitung oder Ernährungsänderung braucht. Und bietet damit echte Alternativen zur Medikamentengabe oder Operation. Ihr schulmedizinisches Knowhow gibt ihr Mut und Sicherheit. „Der Notfallkoffer steht im Schrank. Ich kann immer eingreifen.“ Und der Erfolg gibt ihr Recht. „Meine Patienten, die seit 15 Jahren regelmäßig zu mir kommen, haben keine Herzinfarkte, keine Schlaganfälle, keinen Krebs. Ich weiß, es ist richtig.“

Das ist ein mutiger Satz. Doch genau dieser Mut führt sie. Sie studierte all die alten Schriften, sie spürt die Zusammenhänge auf zwischen der Säftelehre des Hippokrates und der klösterlichen Heilkräuterkunde der Hildegard von Bingen und der anderen Philosophen und Heilkundigen von Antike bis Neuzeit. Und sie sieht auch, wo noch Zusammenhänge fehlen.

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“Unterwegs”

Medizingeschichte

Bis vor 150 Jahren war diese alte Medizin, die Viersäftelehre (Humoralpathologie) die einzige medizinische Lösung. Für körperliche und geistige Gesundheit braucht es ein Gleichgewicht der Körpersäfte. Den Säften (Blut, gelbe und schwarze Galle, Schleim) werden Elemente (Luft, Feuer, Erde, Wasser) und Temperamente (Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker) zugeordnet. Für eine Ausgewogenheit der Säfte und damit Genesung helfen passende ausleitende Verfahren und bestimmte Nahrungsmittel. Sehr vieles konnte auf diese einfache, ja primitive Weise geheilt werden.

Aber sehr vieles auch nicht. Diphtherie, Tuberkulose, Lepra, Pest, Syphilis und anderes mehr wurden erst durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über Keime und Bakterien im 19. Jahrhundert erfolgreich bekämpft. Der Pathologe Rudolf Virchow erklärte, dass die Zelle der Ort der Erkrankung sei. Nur hat er auch erklärt, dass alles andere Unfug sei. Die Zelltheorie (Zellularpathologie) – und mit ihr die chemisch-synthetische Pharmazie – löste die Lehren von den Körpersäften ab, die seinerzeit nicht naturwissenschaftlich nachweisbar waren, und ist noch heute die einzig anerkannte Krankheitstheorie.

„Leider“, deklamiert die fachkundige Ärztin. „Denn die Einführung von Hygiene und Keimbekämpfung und Narkose war super, doch die alte Medizin war nicht falsch. Sie wurde nie widerlegt, nie wurde bewiesen, dass sie unwirksam sei. Sie war einfach nur überholt.“ Und sie erklärt weiter: „Man muss nicht immer zuführen, mitunter hat der Körper von etwas zu viel. Beispiel Bluthochdruck: Die Schulmedizin gibt Medikamente, vereinfacht gesagt – Weichmacher. Jedoch lässt sich hoher Druck viel einfacher und effektiver ausgleichen, indem man Druck ablässt, sprich Blut ausleitet.“

Während Dr. Anke Görgner mir diese Zusammenhänge erklärt, höre ich es fast nachhallen. Sie hat es wohl schon tausend Mal gedacht und fast so oft gesagt.

Umgehend ergänzt sie aber auch, dass sie für sich eine Lotsenfunktion sieht. Sie verficht leidenschaftlich die Naturheilkunde und bringt doch sehr viele Patienten, die genau deshalb zu ihr kommen, langsam zurück zur Schulmedizin. Immer dann, wenn es notwendig ist.

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“Wohin?”

Kleine Revolutionen

Die dynamische, agile Ärztin möchte informieren, vermitteln und überzeugen. „Jede Krankheit hat eben nicht nur einen zellulären Anteil, sondern auch einen humoralen. Das durchzusetzen oder wenigstens bekannt zu machen, kommt schon einer Revolution gleich“, konstatiert sie. Und erörtert es prompt als Lehrbeauftragte für Naturheilverfahren an der Universität Leipzig. Das ist ein kleiner Baustein in ihrem Kampf und doch schon eine kleine Revolution. Denn über Naturheilkunde wurde dort die letzten 600 Jahre kein Wörtchen verloren.

Dr. Görgner, die nicht nur in ihrer eigenen Praxis im Leipziger Musikviertel behandelt, sondern auch leitende Oberärztin für Naturheilkunde am Helios Klinikum ist, hält Vorträge vor gestandenen Ärzten, lädt ein, bei ihr zu hospitieren. „Diejenigen, die kommen, sind die Mutigen“, resümiert sie. „Und sie beginnen folgend alle, am Bisherigen, Ausschließlichen zu zweifeln.“ Sie wünscht sich eine Art Konsil, eine Zusammenarbeit aller Disziplinen, wo jeder weiß, was der andere tut.

Die streitbare Medizinerin erklärt deutlich und leidenschaftlich. Vor Fachleuten, in der Politik, sie wirbt um Stifter, Mitdenker, Brückenbauer. Und sie kämpft intensiv um die noch mangelnden Beweise, um die Studien. „Wir müssen die alten Ausleitungsmethoden auf den wissenschaftlichen Prüfstand stellen.“ Als wissenschaftliche Leiterin der Landesärztekammer initiiert sie seit Oktober 2014 wissenschaftliche Symposien über Naturheilverfahren in der ärztlichen Praxis. Bei den gut besuchten Treffen wurden beispielsweise Studien zu Manuka-Honig, Schüssler-Salzen, Phytotherapie oder Aderlass thematisiert.

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“Anders”

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Die praktizierend forschende Ärztin ist überzeugt, dass sich ein Zusammengehen von Schulmedizin und Naturheilkunde durchsetzen wird. Etliche eigene Publikationen tragen dazu bei, ein eigenes Buch ist in Arbeit. Derzeit befasst sie sich zudem intensiv mit einer umfassenderen Ausarbeitung zur Konstitutionstherapie. Sie bringt die alten Lehren von Körpersäften, Elementen und Temperamenten zusammen und ergänzt sie um die Betrachtung von Verfassung und Zustand des Körpers, also seine Dimensionen, Tonus, Lebensalter, Geschlecht, Temperament, Organbesonderheiten. Es gilt, den ganzen Menschen zu behandeln und nicht nur einzelne Organe. Körper, Seele und Psyche spielen zusammen. Daraus erschließt sich zum Beispiel auch ihre Ernährungstherapie, die zu vermitteln sie in einer Vortragsreihe mit einer altägyptischen Weisheit von 2.550 v. Chr. eröffnete: „Die meisten Menschen essen zu viel. Von einem Viertel dessen, was sie verzehren, leben sie. Von den restlichen drei Vierteln leben die Ärzte.“

Ich nehme den letzten Schluck meines Tees und beschließe, nur noch das eine Viertel zu essen.

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“Vier Viertel”

Lektorat: Susanne Wallbaum

Fotografien: Susan Künzel unterwegs; Fotoaufnahmen von Dr. Görgner werden folgen.

Discussion (1)

There is one response to “Neue Wege mit alten Mitteln”.

  1. Britta Kroker responded:

    · Reply

    Erstaunlich, wie weit uns die Schulmedizin entfernt hat von all den anderen Ansätzen, die sich ja durchaus bewährt haben in der Vergangenheit. Toll, dass es engagierte Ärztinnen wie Dr. Görgner gibt, die hier erneut eine Lanze brechen. Und toll, dass ihr darüber schreibt. Klasse auch die Bilder!

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