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Luft zum Atmen

Claudia Richardt zieht das Unfertige dem Fertigen vor, weist Firmengründern den Weg, erfindet Stempelspiele und sich selbst immer wieder neu. Aus Freiburg kam sie dazumal in den wilden Osten – dessen Gewährsmann Clemens Meyer zur Jugendweihe ihres Sohnes las.

Von Jana Dichelle    Titelfoto: Christian Kortüm

„Ich möchte auch mal bitte Luft zum Atmen haben“, sagte sich Claudia Richardt, als sie anno 1991 dem beschaulichen, funktionstüchtigen Freiburg im Breisgau den Rücken kehrte. „Dort war alles schon fertig und lief in eingefahrenen Bahnen.“ Sie selbst zog es mitten ins Leipziger Nachwendechaos, das sie um ihren persönlichen Umbruch ergänzte. Da war die Plattenbauwohnung in der Straße des 18. Oktober, die sie mit ihrem kleinen Sohn bezog, nur konsequent. „Am Münztelefon im Foyer kam ich einfach nicht durch. Immer wieder habe ich das Geld reingesteckt, und die Schlange hinter mir wurde immer länger. Bis mir eine Frau sagte, dass man von hier aus nicht im Westen anrufen könne. “

Lange her. Heute trägt sie – wie alle – das Telefon der unbegrenzten Möglichkeiten bei sich, oder es liegt auf dem Schreibtisch. Der steht in einer ausgedienten Fabrik, in einem Saal von Büro, riesige Fenster zu beiden Seiten, die Stirnwand weinrot, die Besucherecke eine Plüschgarnitur aus den 70ern. Wo früher Tapeten gemacht wurden, residiert heute eine Riege kreativer Wilder – auch, wenn sie Unternehmensberater sind.

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Licht, Luft, Freiraum: Ein Saal von Büro.

Denn das ist Claudia Richardt heute – unter anderem, und das nach einem beruflichen Werdegang, auf dem sie wie Odysseus zu immer neuen Ufern aufbrach. Das Resultat ist eine buntscheckige Biographie, mit der sie sich gängigen Beraterklischees entzieht. Genau wie mit ihrer Garderobe: Jeans und Pullover statt Hosenanzug, und ihr Internetfoto zeigt sie hinter Seifenblasen. „So kommen vielleicht weniger Menschen zu mir, aber das sind dann tendenziell die, mit denen die Wellenlänge stimmt. Und da kann ich auch am besten helfen“, spricht die Beraterin, die auf der Liste der Kreditanstalt für Wiederaufbau geführt wird, die zumindest Gründern das Coaching großzügig bezuschusst.

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Seifenblasen vor Claudia, und auch sonst kein Beraterklischee weit und breit. Foto: Kirsten Nijhof

Harte Bandagen

Claudia Richardts eigener beruflicher Einstieg war desillusionierend: In einem Hotel, das sich rühmt, zu den 100 besten zu gehören, wurde die angehende Hotelfachfrau nach 14 bis 16 Stunden Arbeit angeschrien und mit verdorbenem Essen abgespeist. „Also nichts mit Gastronomie“, entschied sie rigoros. Sie folgte ihrem Vater nach Leipzig, wo sie gemeinsam mit ihm Bauprojekte anstieß, entwickelte, verkaufte. „Eine wilde Zeit. Da waren Dinge möglich, die zu anderen Zeiten niemals funktioniert hätten. Und es war normal, beim Notar erst um elf Uhr nachts einen Termin zu bekommen, so viel hatten die zu tun. In dem Markt wurde mitunter mit harten Bandagen gekämpft. Da wurde auch manches mit Gewalt kaputt gemacht.“

Und doch ist sie froh, in diese Epoche hineingeboren zu sein, diese Veränderungen hautnah erlebt zu haben. Auf einer Lesung in jener Zeit traf sie Clemens Meyer, der heute wie kein Zweiter literarisch für die Leipziger Nachwendezeit bürgt. Ihre Einladung nahm er an: Der damals noch unbekannte Schriftsteller las auf der Jugendweihe von Claudias ältestem Sohn.

Einäugig unter Blinden

Als das Bauprojektgeschäft Ende der 90-er Jahre abebbte, verlegte sich Claudia Richardt aufs Studieren – und zwar mit BWL das, was sie zuvor jahrelang im offenen Ring erprobt hatte. Marketing lag ihr, und auch im Fach Steuern kriegte sie schließlich die Kurve. Nebenher fuchste sie sich ins Internet ein. „Das war ja Ende der 90er Jahre noch nicht so besetzt. Bei HTML und Graphik war ich die Einäugige unter den Blinden, und als solche habe ich dann Kunden betreut. Und außerdem habe ich in der Druckvorstufe, die in der Zeit komplett auf Computer verlegt wurde, Lehrlinge ausgebildet.“

Jedes Ende ein neuer Anfang – ist die Formel wirklich so einfach? „Einmal war es zu viel. Vor dem Studium habe ich einige Jahre in Berlin gelebt, meinte aber dann, mein Leben nochmal komplett umkrempeln zu müssen: Partnerbeziehung beenden, mit dem Sohn wieder nach Leipzig, neues Leben. Da bin ich dann zusammengebrochen.“ Die Geschichte endet gut – in einer neuen Familie, Claudia bekommt zwei weitere Kinder, und seither dreht sich ihr Leben wieder um eine stabile Achse.

Tränen auf dem Firmenflyer

Doch als Beraterin zehrt sie gerade von der schweren Zeit. „Als einmal jemand in Tränen ausbrach, als ich den neuen Firmenflyer auf den Tisch gelegt hatte, wusste ich genau warum. Und ich wusste: Meine Beratung muss umfassender werden.“ Sie suchte sich eine neue Schulbank, diesmal eine für systemisches Coaching. „Jeder von uns steckt in einem System aus Familie, Kollegen, Freunden und Bekannten. Wenn man an einer Stelle etwas anstößt, dann wird das über kurz oder lang das ganze System verändern. Das ist weniger dramatisch, als wenn man auf einmal alles umschmeißt. Die Kunst besteht darin, den richtigen Stein des Anstoßes zu finden“, umreißt sie den Ansatz, dem sie seither folgt.

„Kunden sollte man mögen“

Sie, die immer wieder hinterfragt, was sie vom Leben will und sich mehrfach neu konsolidiert hat, bringt andere Menschen auf den Weg zu ihrem Element – gerade weil sie ihre größte Stärke jahrelang als Manko empfunden hat: „Ich habe mich nie so richtig in ein Fachgebiet vertiefen können. Ich denke immer: Das war ganz schön, jetzt bitte das nächste Thema. Dafür habe ich schnell den globalen Überblick, sehe, wie Dinge verknüpft sind und kann im Kopf neue Verbindungen herstellen.“

Inzwischen hat sie gelernt, genau das als Talent anzunehmen. Entsprechend verweist sie ihre Klienten auf deren mitunter unterschätzte Gaben, oft auf Augenfälliges, das im blinden Fleck verborgen lag, und bewahrt sie vor Sackgassen: „Einmal zum Beispiel hat jemand in einem Luxussegment auf eine Kundengruppe orientiert, die er eigentlich gar nicht leiden kann. Da haben wir dann schnell den Kurs geändert.“

Stundenlang stempeln

Ein eigenes Vertriebsprojekt verfolgt Claudia Richardt derweil mit langem Atem: Für eine Serie von Stempelspielen, gemeinsam mit zwei Freundinnen bei etlichen Gläsern roten Weins ersonnen, beackert sie seit geradezu biblischen sechs Jahren Spielwarenmessen, Internet- und andere Verkaufskanäle, sogar den Weihnachtsmarkt. „Eigentlich wollte ich das Thema schon abtreten, aber wir haben so tolle Reaktionen der Kinder, die stundenlang damit spielen. Also mache ich doch weiter“, weiß sie die Stetigkeit in diesem speziellen Fall zu rechtfertigen.

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Stempeln, stundenlang.

Odyssee – die neue Generation

Ihrer eigenen Biographie lässt sie derweil keinen Stempel aufdrücken: „Stimmt schon, dass das viele Schritte sind, aber jeder folgt logisch dem vorherigen, alles baut aufeinander auf.“ Inzwischen tastet sich ihr großer Sohn ins Berufsleben vor. „Ich fürchte“, seufzt Claudia, „ich habe da einiges vererbt. Er denkt auch eher übergreifend als tief in ein Fachgebiet hinein, und er hadert damit.“ Im Hotelfach hat er sich schon probiert, inzwischen lernt er Bürokaufmann. Bis auf weiteres.

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“Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, / Und neues Leben blüht aus den Ruinen.” – Friedrich Schiller, Wilhelm Tell IV,2, gilt auch für das einstige Leipziger Tapetenwerk. Und für so manche Biographie.

 

Discussion (1)

There is one response to “Luft zum Atmen”.

  1. Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur sagen: TIPTOP. Und Danke!

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