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Holzwurm und Eisenmade

Zwei junge Männer tragen einen Karton mit irgendwas, das weg kann, in den Hinterhof, kommen zurück, mit Karton, der wird wieder Verwendung finden. Roman Bendix und Scyriel – der Holzwurm und die Eisenmade – räumen auf, denn es ist Mittwoch und die Werkstatt für Interessierte offen. Deswegen bin auch ich da.

Kreatives Chaos vor Augen, ziemlich klare Pläne im Kopf. Die zwei jungen Männer sind angekommen. In ihren neuen Werkstätten in der Erich-Zeigner-Allee. Und bei sich selbst.

Aus Alt wird Neu

Roman Bendix mag Holz, diesen wunderbaren Rohstoff, warm und wohl fühlbar. Er streicht über seine Werke und wischt dabei den Holzstaub weg, der sich tagtäglich einfach immer wieder niederlässt. Holz ist gut zu bearbeiten und langlebig. Und dieses Leben will Bendix noch verlängern. Zum Schutze unserer Wälder. Und weil alte Dinge ihre Geschichte in sich tragen, sagt der junge Mann mit dem Wuschelkopf, der gerade Vater geworden ist.

Schon früher schliff und hobelte er an alten Kommoden im Hinterhof. Nebenher zu seinem Beruf in der Gastronomie. Viele leckere Cocktail-Kreationen durften viele Abende lang durch Leipziger Kehlen fließen, bis Roman Bendix sich entschloss, weniger langen Abenden und seiner wahren Berufung den Vorzug zu geben.

cache_8566363Jetzt nennt Roman Bendix sich rox und sammelt Dinge, die andere nicht mehr mögen oder nicht mehr brauchen. Er kann sie gut gebrauchen, die alte Holztüre, das mehr oder weniger kaputte Schränkchen, die verfeierten Korken und Dosen. Daraus stellt er in Handarbeit in Leipzig Neues her. Das nennt man Upcycling. Aufwändiges Recyceln wird umgangen, aus Alt wird direkt wieder Neu.

Mit Liebe und einem Hammer

Mitstreiter in der Werkstatt nebenan ist Scyriel, sein Name ist Programm: Skurriles Kunsthandwerk – von fantasievoller Ausstaffierung für Improvisationstheater bis zu Metallbearbeitung für bizarre Wohnaccessoires. Ihm haben es Messing und Bronzen angetan. Nicht mehr so wohlklingende Musikinstrumente wie auch anderweitig abkömmliche Metalle werden gesammelt und detailverliebt verformt, gehämmert und genietet.

Nach Jahren in einer kleinen Werkstatt einer ehemaligen Munitionsfabrik, wo sich auch Jack the Ripper gefürchtet hätte – sagt Scyriel – freut er sich umso mehr über das fast luxuriöse Dasein jetzt, darüber, es warm zu haben, darüber, vieles gemeinsam mit rox nutzen zu können statt eigens zu kaufen, darüber, sich produktiv zu ergänzen. Der Eine baut die Holzteile für den Anderen. Der Andere kantet die Bleche für den Einen.

rox_Produkte

Foto: Roman Bendix

Schätze

Vor meinem zweiten Besuch haben die Männer weiter aufgeräumt, haben einen Durchgang zu einem weiteren Raum gebrochen und zeigen nun voller Stolz ihre neu geschaffene Schatz-Ecke. Aus Omas alter Kommode schuf rox das Ersteinrichtungs-Lieblingsstück, aus einer abgetretenen Gerüstbohle plus Feuerwehrmanns altem Schlauch wurde ein Hängeregal. Aus der gefundenen Baumwurzel ein Wohlfühl-Sitzmöbel, aus leergetrunkenen Weinfässern heimelige Stehleuchten, aus den Europaletten des Nachbarunternehmers eine mobile Bar. Roman Bendix erzählt, wie er mit einem Bunsenbrenner die Oberfläche ansengt und diese besondere Veredlung mit einer ökologisch einwandfreien Öl-Wachs-Versiegelung konserviert. Und welches Kopfzerbrechen diese flexible Konstruktion gemacht hat. Ich überdenke umgehend alle meine kommenden Festivitäten für Einsatzmöglichkeiten.

rox_LeuchteScyrielVon Scyriel, der Eisenmade, erfahre ich, wie anders es sich mit dem Metall verhält. Meist konstruiert er ausführliche digitale Zeichnungen und fertigt Schablonen, denn Metall nimmt falsche Behandlung nachhaltig übel. Manchmal entwickelt sich ein Stück erst nach und nach und offenbart seine Bestimmung. So die trophäenhafte Wandleuchte aus Stahlblechteilen und ehemaligen Messingbecken (gemeint ist das Schlaginstrument). Mit Licht sieht sie aus, als wäre Leben im Blech.

Geschichte inklusive

Manches wird aufgearbeitet, das meiste wird umfunktioniert. Es sind Unikate. Roman Bendix geht mit wachen Augen durch Leipzig und auf Reisen, immer offen für Inspiration und interessiert an allem, was die Natur bietet, was woanders abfällt, was mitdenkende Menschen ihm schenken. Er wirtschaftet so ökologisch wie möglich, denkt neben der Wahl der Rohstoffe auch die Verarbeitung, Wege, Werkzeuge, Lacke und Farben mit. Und natürlich investiert er seine Leidenschaft und Schaffenskraft gern auftragsbezogen: rox Kunden bekommen einzigartige Stücke – zum Wohnen, zur Dekoration, zum Verschenken. Und zum Weitererzählen, denn die Geschichte des Artefakts gibt es inklusive.

Weitererzählt werden ganz sicher auch die Geschichten der nicht metallenen Kreationen Scyriels: Sein Hobby ist das Live-Rollenspiel, und für Auftraggeber aus dieser Szene ertüftelt er Gewandungen und Requisiten wie spleenige Waffen, seltsame Viecher, Trollkostüme, Schilde. Das alles, mit viel Hingabe aus Schaumstoffen modelliert, gibt den Spielern die Möglichkeit recht authentischer Charakterdarstellung.

Idealismus und Ruhm

Scyriel trachtet augenzwinkernd nach Ruhm und Unsterblichkeit – ein Ideal, dem er sich zumindest in seinen Rollen annähert. Im Hier und Jetzt möchte er für seine kunstvoll anmutenden Objekte vernünftig bezahlt werden. Er wünscht sich eine größere Community von Kunsthandwerkern mit ähnlichem Denken.

Roman Bendix wünscht sich, dass die Empathie, die Zeit und die Idee gewertschätzt werden, das Upcycling bekannter und begehrter wird. Dass der Trend, umzufunktionieren und umzudenken, sich ausbreitet. Und dass rox Teil davon ist, vielleicht berühmt, zumindest berühmt genug, um seinen Idealen zu folgen und Dinge zu machen, die sich gut und richtig anfühlen. Und dass immer weniger Kartons mit irgendwas, das weg kann, rausgetragen werden.

Von Susan Künzel

Titelfoto: Sandra Neuhaus

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