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Sabine, links im Bild, vertritt den Linke-Hof mit Charlotte Lukowski auf dem Leipziger Wochenmarkt.

Gummistiefel und Fagott

Sabine Heinze ist in den Biolandbau hineingerutscht – und würde es im Nachhinein nicht anders gewollt haben.

Foto: Sabine, links im Bild, vertritt den Linke-Hof mit Charlotte Lukowski auf dem Leipziger Wochenmarkt.

Von Jana Dichelle

Aus Sabine Heinze hätte durchaus etwas werden können: Gesangs- und Klavierunterricht, Abitur am musikalischen Spezialgymnasium, die Musikerkarriere zum Greifen nah. „Das konnte ich einfach gut“, sagt sie heute, während sie in Gummistiefeln über das Feld stapft, vorbei an Herbstastern und Kohlgemüse.

Sabine arbeitet auf dem Linke-Hof, dem Demeter-Hof in Baalsdorf östlich von Leipzig. Bis zum denkwürdigen Jahr 1989 gehörte der Dreiseithof seinem Namensgeber, dem Bauern Linke. Noch vor dem Mauerfall kaufte ihn ein Kreis anthroposophisch eingestellter Leipziger, um biologisch-dynamisch zu wirtschaften. „Der biologische Landbau hatte immer Anhänger. Auf DDR-Gebiet lag auch der älteste Demeterhof“, verweist Sabine auf den Hof Marienhöhe in Brandenburg, der seit 1927 dem Anthroposophen Steiner folgt und das über alle Regimes hinweg durchgehalten hat.

Bio seit vor der Wende

Der Linke-Hof tut es ihm seit 1989 nach – also inzwischen seit einer ganzen Generation. Die Kräuter wachsen im umzäunten Hausgarten, und hinter dem Zaun liegen die Felder. Dort sprießt das ganze Sortiment dessen, was auch traditionelle Bauerngärten vorhalten – nur viel mehr davon. Im Gewächshaus röten an gelben Strünken die letzten Tomaten nach. Herbstblumen prahlen in satten Farben. Dahinter ziehen sich lange Reihen Gemüse bis zu den fernen Bäumen.

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Letzte Tomaten reifen nach. Foto: Susan Künzel

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Salat bis zu den Apfelbäumen. Foto: Susan Künzel

Wegschnecken für die Laufenten

Manche Furche ist schon abgeerntet, in anderen warten Kohl und Porree, Möhren und Fenchel letzte Wachstumsschübe ab. Dazwischen liegt Grünland: Nach einem festen Rhythmus wird den Böden Urlaub verordnet. Hat sich eine Fläche erholt, dürfen Starkzehrer, vor allem die Kohlgemüse, aus dem Vollen schöpfen, in den Jahren darauf nehmen sich andere Pflanzen, was noch übrig ist; Erbsen und Bohnen helfen, den Boden zu regenerieren, bevor er ein ganzes Jahr lang pausiert. Und was ist mit der Erzfeindin allen gärtnerischen Strebens, der spanischen Wegschnecke? „Wir bauen einfach viel an und hoffen, dass ausreichend übrig bleibt. Außerdem tun sich ein paar Laufenten an ihnen gütlich“, erklärt Sabine Heinze.

Die Regeln der Fruchtfolge gelten auf dem Linke-Hof kompromisslos – während der konventionelle Anbau mit künstlichen Düngemitteln und Gentechnik hochrüstet. „Mein Großvater war LPG-Vorsitzender und hat wenig übrig für das, was wir hier machen. Trotzdem, den Hang zur Landwirtschaft, den habe ich sicher auch von ihm“, sinniert Sabine, die gleich nach dem Abi während ihres Ökologischen Jahres den Hof kennenlernte, um bei der Gelegenheit gleich selbst Wurzeln zu schlagen. „Ich habe hier den Vater meiner beiden ältesten Kinder kennengelernt.“

Wasserholen, Bollerofen

Mit 20 erwartete Sabine ihr erstes Kind, und ihr Partner setzte der werdenden Familie einen skandinavisch-roten Bauwagen in den Linkehof-Garten, ganz im Peter-Lustig-Stil. Genaugenommen zwei Wagen, die über Eck verbunden sind. „Und da haben wir dann gewohnt, erst mit einem, dann mit zwei Kindern“, erinnert sich Sabine. Wärme spendete der Bollerofen, wenn man ihn heizte, Wasser kam aus der Leitung, wenn man es dort abholte. „Das ging“, fügt Sabine Heinze in der ihr eigenen Gelassenheit hinzu. Noch nicht einmal die Musik blieb auf der Strecke: Neben dem Chorsingen wählte sie mit 21 Jahren das Fagott, um auch in der Orchestergemeinschaft spielen zu können.

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Bauwagen, skandinavisch rot: Hier wohnte Sabine mit zwei kleinen Kindern. Foto: Susan Künzel

„Du hast Abitur und wühlst da in der Erde rum…“

Ihre Herkunftsfamilie nahm ihren Werdegang verwundert hin: „Du hast Abitur und wühlst da in der Erde rum…“ Sabine folgte davon unbeirrt ihrem Weg, der in die Freie Ausbildung führte – eine demeter-eigene vierjährige Bio-Landwirtschaftslehre. Mit Kind und Kegel zog sie dafür auf einen Hof in Niedersachsen und lernte, was es dort zu lernen gab. „Das ist schon gut, auch mal die Abläufe auf einem anderen Hof mitzuerleben, das gibt eine andere Perspektive“, resümiert sie. Die Kontakte hält sie bis heute. Als sie zurück nach Leipzig kam, musste sie sich erst wieder an die Reizüberflutung aus Autoverkehr und bunten Reklameschildern gewöhnen.

Sabine bekam mit ihren Kindern immer Unterstützung – in Niedersachsen ebenso wie in Baalsdorf, wo Lindela und Reinhard Sommer selbst mit fünf Kindern auf dem Linke-Hof leben. Auch, als Sabine sich von ihrem Partner trennte. Auch, als sie in ihrer neuen Partnerschaft zwei weitere Kinder bekam – dann allerdings umzog, in eine Wohnung mit Standardkomfort. „Das ist so ein Geben und Nehmen. Zum Beispiel stellt Lindela sich nicht gerne auf den Markt, aber sie holt meine Kinder von der Schule ab, wenn Bedarf ist.“

… und freitags auf dem Wochenmarkt

Und so kommt es, dass Sabine den Linke-Hof allfreitäglich auf dem Leipziger Wochenmarkt vertritt, oft gemeinsam mit ihrer Freundin Charlotte. Sie kennt die Stammkundschaft, die kommt, um Lauch und Kohl und Kraut zu erwerben: „Bei uns kaufen heute oft die Kinder, manchmal die Enkel derjenigen, die seinerzeit die Hof-Idee umgesetzt haben. Das ist auch das Schöne: Wir müssen uns nicht anbiedern. Unser Hof ebenso wie der Marktstand haben sich etabliert, und wir wissen, dass unsere Arbeit und unsere Produkte geschätzt werden.“

In dem Bauwagen, in dem Sabine anfangs ihre Kinder aufzog, leben heute mal Praktikanten, mal Lehrlinge, mal Besucher. Kommen und Gehen ist eine Konstante auf dem Hof, und einmal pro Woche zieht eine Gruppe Waldorf-Vorschulkinder Möhren aus dem Feld – oder was eben sonst gerade anliegt. Denn den Linke-Bauern Lindela und Reinhard Sommer, aber auch dem Trägerverein, liegt daran, das Wissen um das richtige Kompostieren, die Fruchtfolge und die landwirtschaftliche Praxis überhaupt weiterzugeben. „Manche Erwachsene kommen her mit einer romantischen Vorstellung vom Ökolandbau und werden von der doch harten Arbeit bei Wind und Wetter überrascht. Aber das gehört eben auch dazu“, schätzt Sabine Heinze die Lernerfahrung mancher Landbaunovizen ein.

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Foto: Susan Künzel

 

Für sie selbst erübrigt sich die derweil die Sinnsuche: „Mein Weg hat sich zwar einfach so ergeben, aber ich würde es auch im Nachhinein nicht anders gewollt haben.“ Heute geht der älteste Sohn gerade aus dem Haus, „und manche in meinem Alter fangen jetzt gerade mal an mit Kindern“, sagt Sabine. Sie selbst geht inzwischen wieder auf Konzertanfragen ein: Fagottisten sind halt gefragt.

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Wahre Worte, fotografiert von Susan Künzel auf dem Linke-Hof.

 

Discussion (1)

There is one response to “Gummistiefel und Fagott”.

  1. Always a good job right here. Keep rolling on thrghou.

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