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Muttertagsaktion Cargobike

Gelegenheit zum Mitmachen, Mitgeben und Mithelfen

Ein hübscher Strauß gelber und oranger Rosen schmückt meinen Küchentisch seit dem Muttertag. TiMMi hat ihn mir geschenkt. TiMMi ist nicht mein Sohn, sondern das Baby von Christina und Sandra und ihren Unterstützern. TiMMi ist eine Mitnahmegelegenheit für Dinge,

 … in diesem Fall für Blumen. In diesem Fall fuhr TiMMi-Gründermutter Christina sogar selbst, um die Muttertagsüberraschung zu ermöglichen. Bei dieser Aktion konnten Fairtrade-Rosen oder auch Annalinde-Pflänzchen von einer/einem dankbaren Tochter/Sohn auf der Plattform TiMMi bestellt und von jemandem, der zufällig in die richtige Richtung fuhr, zu ihrer/seiner zu beglückenden Mutter geliefert werden, gegen ein Freundschaftsentgelt. An Nicht-Muttertagen heißt das dann: „Durch TiMMi werden Lieferungen von Tür zu Tür und zu jeder Tageszeit übernommen und umweltschonend von Leuten, die sowieso unterwegs sind, ausgetragen. Es ist die Mitnahmegelegenheit für Deine Pakete!“

Von Susan Künzel

Meine blühende Muttertags-Überraschung

Meine blühende Muttertags-Überraschung

Das Erbe von Auswanderern und Herzblutsozialisten

Christina machte mir diese Freude, da ich Mutter dieses Artikels bin. Sie ist Australierin, wollte die ursprüngliche Heimat und Sprache ihres Vaters kennenlernen und schaute mal für ein BWL-Studium in Deutschland vorbei. Da die Australier in Christinas Augen CO2-technisch versagt haben, indem sie die bereits eingeführte CO2-Steuer wieder zurücknahmen, möchte Christina nun ihren Anteil zur Rettung des Planeten beisteuern, zumindest promovierte sie vorsorglich über Ethik in der Finanzwirtschaft und hält nur eine CO2-neutrale berufliche Perspektive für akzeptabel. Christina gründete TiMMi.

Um eine ordentliche Website in Auftrag geben und bezahlen zu können, wollte sie umziehen, damit Geld einsparen und dieses für die Webentwicklung verwenden. Glücklicherweise treffen engagierte Menschen häufig auf andere engagierte Menschen, in diesem Falle erwies sich Christinas Vermieter als solcher. Der ist nicht nur Inhaber eines Hauses sondern auch einer Webentwicklungsfirma, baute ihr gratis die TiMMi-Website und senkte auch noch die Miete. Und Christina traf Sandra, die im letzten Sommer mit ihrem VWL-Studium fertig wurde, spezialisiert ist auf Entwicklungsökonomie und mir ihre Sicht aufs Leben so beschreibt: “Meine Oma erzählte mir von klein auf von den Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, wie sie als Kind die Nachkriegsjahre miterlebt und die Ideen des Sozialismus mit Herzblut vertreten hat. Ich wollte alles kennenlernen, war ein paar Monate in Ghana, in Indonesien, hab mir vieles auf der Welt angesehen. Und was man so mitbekommt – mit eigenen Augen und auch im Studium gelehrt – es läuft einfach zu viel schief auf dieser Welt. Man weiß gar nicht, wie man sich dagegen wehren soll.” Mit TiMMi haben sie mal mit dem Wehren begonnen.

Die TiMMi-Gründerinnen Christina und Sandra

Die TiMMi-Gründerinnen Christina und Sandra

Christina hat TiMMi an der Uni vorgestellt. Eine Zuhörerin – begeistert und hungrig – wünschte sich Leipspeis-Produkte. Christina stellte es auf der Plattform ein, ein Fahrradfahrer brachte die Bestellung zur Uni. Die erfreute Empfängerin hier mittig im Bild.

Zur richtigen Zeit die richtige Idee

Im Oktober 2015 war die Website fertig. Das war die Zeit, als die Zahl der in Leipzig eintreffenden Flüchtlinge täglich wuchs, ebenso die Mengen an Kleider- und Sach-Spenden der Leipziger, ebenso der Bedarf an Hilfe, das alles zu koordinieren. TiMMi offerierte via Facebook und E-Mail – und funktionierte, bevor man Kick off sagen konnte. Der Flüchtlingsrat, die Johanniter, die Malteser waren begeistert und nutzten sofort die TiMMi-Plattform, um die unzähligen Spenden von den vielen Annahmestellen der Diakonie und Kirchgemeinden zur Sachspendenzentrale bringen zu lassen. Viele Menschen füllten in dieser Zeit nicht nur ihren leeren Kofferraum oder Fahrradgepäckträger auf ohnehin zu erledigenden Fahrten, sondern fuhren Extratouren, um zu helfen – die Sachspendenzentrale liegt ja auch bei nur sehr wenigen auf dem Weg. Christina erzählt von ihren Versuchen, an einem extrem spendenintensiven Wochenende Taxi-Unternehmen zum Helfen zu akquirieren: „Die meisten haben mich vertröstet oder gleich abgelehnt. Nur Löwentaxi hat ausgeholfen und einige Extrafahrten auf eigene Rechnung gemacht. Also bei uns hängt nur noch die Löwentaxi-Nummer an der Pinnwand …“

 TiMMi to help – Mit Kuchen und Spielzeug

„Diesen sozialen Bereich stärken wir auch mit Aktionen“, berichtet Sandra. „Zu Weihnachten hatten wir eine Art Schnitzeljagd organisiert. Teams aus Geflüchteten und Leipzigern konnten Stationen abarbeiten. Die Geflüchteten konnten die Stadt kennenlernen und waren gleichzeitig auch mal in der Geberrolle.“ Die Teams holten zum Beispiel Spielzeug von Privatspendern ab und übergaben es der Kinderwohngruppe MOSAIK. Oder brachten einen gespendeten Kuchen von der Naturbackstube Connewitz ins Pflegeheim Marthahaus. Die Leute in diesem Team schafften die übrigen Stationen dann nicht mehr, weil sie mit den Kuchen mampfenden Alten ins Quatschen kamen und sitzen blieben.

Aktuell steht der Umzug der Geflüchteten in private Wohnungen an, 5000 Leute bis Ende 2016. Die Kontaktstelle Wohnen bat TiMMi, beim Umzug von etwa 50 Menschen pro Woche zu helfen. TiMMi ist das Bindeglied zwischen der Kontaktstelle Wohnen (flüchlingswohnungen.org) und der Plattform für die Möbelspenden (ankommen.eu).

Sandra – Verfechterin sozialer Interaktionen

Für die Jungunternehmerinnen war der soziale Bereich der Ausgangspunkt und wird auch immer ein wichtiger Aspekt bleiben. „Und die Hilfe geht immer in zwei Richtungen“, beschreibt Sandra die Doppelwirkung: „Wir bieten kurzfristig und temporär soziale Hilfe an. Für Flüchtlinge, für Obdachlose, für Umzüge und vieles mehr. Darüber hinaus bieten wir damit eine sehr komfortable Möglichkeit für diejenigen, die soziale Hilfe leisten wollen. So viele wollen gern helfen, nur wissen nicht, wie oder wo, oder die Hürde ist zu groß. Mit unserer Plattform kann man auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg zur Oma oder in einer halben freien Stunde einen helfenden Transport erledigen. Und hat was Gutes getan.“

Christina und Sandra auf dem Heldenmarkt

Christina und Sandra auf dem Heldenmarkt

TiMMi to go – Alles außer Menschen

Neben den Transporten im sozialen Bereich, die immer unentgeltlich erledigt werden, kann jede Privatperson, Institution oder Unternehmung natürlich alles („außer Menschen!“, betont Sandra) auf der Plattform einstellen und für einen Transport beauftragen – ökologisch sinnvoll. Dafür bietet der Auftraggeber dann eine Summe als Entlohnung an für den, der es mitnimmt und abliefert. Privat organisierte Lieferungen sind kostenfrei und sollen das auch bleiben. Wenn jemand Produkte direkt bei einem Unternehmen bestellt, wird dieses einen Prozentsatz von seinem Umsatz abgeben, um die Unternehmerinnen wie auch die unterstützenden Programmierer im Hintergrund für ihr Werk und ihr Tun zu entlohnen. In der ferneren Zukunft ist auch ein Abonnementmodell denkbar.

Ein dritter Bereich wird noch aufgebaut – Arbeitstitel: TiMMi travel. Fährt einer in den Urlaub oder auf Geschäftsreise, könnte er anderen die Lieblingsmarmelade, Erinnerungslektüre oder sonstige landesspezifische Utensilien mitbringen. In diesem Falle würde nicht der Bedarf das Angebot, sondern das Angebot könnte einen Bedarf generieren.

Damit das Gesamtkonzept langfristig funktioniert und als Geschäftsmodell taugt, sprechen die Jungunternehmerinnen nicht nur Privatpersonen, sondern auch Geschäftspartner an. Wer bietet? Wer liefert? Für erstere Frage akquirieren sie aktuell lokale Produzenten, insbesondere jene mit weniger ausgefeilter Online-Präsenz und begrenzten Liefermöglichkeiten. Für die Frage gesicherter und möglichst auch zeitnaher Auslieferung sind zum Beispiel Pendler eine sehr geeignete Spezies. Und es gilt auch hier, professionelle Partner ins Boot respektive auf ihre mobilen Untersätze zu holen. Der Kontakt zu Fahrradkurieren, Taxiunternehmen, Fahrzeugverleihfirmen ist geknüpft.

Freilich macht TiMMi kein Expressversprechen, es kann schon mal länger dauern, bis jemand sich auf dem „richtigen Weg“ befindet. Aber je mehr Leute bei TiMMi mitmachen, desto schneller werden die Lieferungen vermittelt!”

Der Name TiMMi ist eine freie Schöpfung aus Namenskürzeln und wurde letztlich gewählt, weil einfach auszusprechen, merkfähig und sprachenneutral

Der Name TiMMi ist eine freie Schöpfung aus Namenskürzeln und wurde letztlich gewählt, weil einfach auszusprechen, merkfähig und sprachenneutral

Dank anderweitiger Geldeingänge können sich die TiMMi’s auch Zeit nehmen für einen ordentlichen Geschäftsaufbau, kümmern sich um Förderanträge, haben Termine mit Ministern, unterstützt vom Social Impact Lab, auch von einem privaten Mentor. Sandra investiert Teile ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Unternehmensverantwortung und Governance der Handelshochschule, sie managt somit ganztags. Christina arbeitet am Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, koordiniert Doktoranden und verhilft auch da zu mehr ethischen Prinzipien in der Wirtschaft. Aktuell hat sie es auch nicht sonderlich eilig, in die Heimat zurückzukehren. Gewiss aber wird sie ihren nächsten Besuch in Australien auf TiMMi einstellen und kann dann vielleicht TimTams, den weltbesten Honig, oder ein kleines Känguru mitbringen, aus ethisch korrektem Plüsch natürlich.

Lektorat: Susanne Wallbaum

Fotos: freundlicherweise von TiMMi zur Verfügung gestellt

 

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