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Die Zeitreisende

Barockexpertin Ilka Sieler näht mit Nadel und Faden, hält Bauernhochzeit im Museum und erklärt – sich an- und ausziehend – vor vollen Sälen die Details historischer Garderobe. Und manchmal fährt sie einen Truck.

Von Jana Dichelle

Zentraler und zugleich abseitiger könnte der kleine Laden von Ilka Sieler nicht liegen: Innerstädtisch, aber in der Art Seitengasse, der man vor lauter Grau weiter nichts zutraut. Unvermutet prunkt ebendort ein Schaufenster mit dem Schriftzug „Lieblingsstücke“. Wer unter dem Schellen der klassischen Ladenglocke eintritt, begibt sich in eine andere Welt – und in eine andere Zeit. Ilka Sieler reproduziert in Leipzig die Kleidung des 18. Jahrhunderts. Und wenn sie – beispielsweise – erwähnt, dass Metallstickerei in den 50ern groß in Mode war, dann meint sie die 1750er. Selbstredend.

„Irgendwann fliegst Du auf“

Dabei hat Ilka durchaus diesseitig Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert und einen dieser Traumjobs ergattert: Marketing, große Firma, gut bezahlt. „Aber ich dachte immer: Irgendwann fliegst Du auf. Ich konnte mit deren Anforderungen überhaupt nichts anfangen.“ Sie sollte Recht behalten. In der Lebenskrise, abgefedert vom Arbeitslosengeld, ebnete sie ihrem Hobby den Weg zum Beruf und machte sich 2009 selbständig.

„Was die anhat…“

Dem Barock hatte sie sich bereits Jahre zuvor verpflichtet, und ihr Eingangsportal war der Tanz: Ein Workshop für historische Tänze bahnte ihr, die sich an der Musikhochschule im klassischen Repertoire geübt hatte, den Weg. Ihr Ehrgeiz in der Klamottenfrage war entfacht, nachdem sie hinter sich ein Tuscheln gehört hatte: „Also, tanzen kann die ja ganz gut, aber was die anhat…“ Aus heutiger Sicht lässt Ilka keinen guten Faden an dem selbstgezimmerten Phantasiekleid, dem „scheußlichen Fetzen“ von dazumal. Das war 1999. Seitdem hat sie sich in die erlauchten Kreise des A-Bereichs hochgeschneidert – mit dem „A“ für authentisch.

Ösen für die Schnürbrust – stundenlang

Inzwischen kann sie 15 komplette historische Outfits vorweisen, in denen jeweils 70 bis 80 Arbeitsstunden stecken. Ihr Werk vollbringt sie im Hinterzimmer des Ladens, wobei der dreifache Nähmaschinenpark täuscht: Maschinelle Nähte sind verpönt, genau wie Polyester. Handarbeit ist Usus in der authentischen Szene – schließlich wurde die Nähmaschine erst 1851 patentiert. Ihre eigenen Maschinen nutzt sie für moderne Stücke, oder für Nähte, bei denen man nun wirklich das Kleid erst auftrennen müsste, um des Pudels Kern zu entlarven.

Ilka betrachtet die Handarbeit nicht als Bürde: „Oft sagen mir Freundinnen, die Geduld hätten sie nicht. Ich denke“, sinniert sie, „jedes Projekt hat verschiedene, aufeinander aufbauende Phasen. Und wenn man sich die einzelnen Arbeitsschritte wegwünscht, ist das ein Zeichen dafür, dass man den Ist-Zustand nicht erträgt. Mir macht das Spaß, mit alten Techniken ans Ziel zu kommen. Handarbeit macht die Kleidungsstücke lebendiger, beseelter.“ Also näht sie mit Nadel und Faden. Die Längsnaht für einen 1,25 Meter langen Rock hat sie in 90 Minuten fertig, für die Ösen der Schnürbrust braucht sie einen ganzen Vormittag. Die Nähmaschinen sehen tatenlos zu.

Beide Stickereien

Solche Stickereien – hier Ilka-Handarbeiten nach historischen Vorbildern – komplettieren die Robe als Hingucker über Brust und Bauch.

Quicklebendige Anziehpuppe

Das Produkt führt sie immer häufiger vor – als quicklebendige Anziehpuppe referiert sie über historische Mode, beispielsweise im Rudolstädter Schillerhaus. Sie führt ein Kleid vor, erklärt Details, zieht es bis auf die historische Unterwäsche aus, erklärt auch die, und zieht ein anderes Kleid an. „Mit der Unterwäsche aus Hemd, Schnürbrust und Beinkleid ist man für heutige Verhältnisse mehr als züchtig bekleidet, damals war man fast nackt“, so Ilka Sieler, die es genießt, wie sich ihre Silhouette ändert, wenn die Schnürbrust angelegt ist. „Das gibt dem Kleid überhaupt erst die Form“, erklärt sie – und sinnt selbst oft darüber nach, warum sie wohl gerade dieser Epoche erlegen ist.

Eine Rockgröße für alle

„Kleider waren im 18. Jahrhundert ein Wert, eine Investition“, sagt Ilka, und führt vor: Röcke wurden zweifach gebunden – zwei großzügige Stoffbahnen, von denen eine vorn, die andere hinten mit Schleife zu schließen war. Damit waren Schwangerschaften ebenso wie magere Zeiten eingerechnet. „So ein Kleid passte bis zu drei verschiedenen Konfektionsgrößen. Wenn es nach Jahren weitergereicht wurde – Hausherren hatten schließlich Bedienstete auszustaffieren – hat es auf jeden Fall gepasst. Für kleinere Frauen wurde der Bund oben umgeschlagen, für größere ließ sich unten noch eine Ziernaht auslassen.“

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Ilka demonstriert das Prinzip des universellen Rocks: Ob spindeldürr oder hochschwanger – vorne und hinten geknotet, passt er in allen Lebenslagen.

Waschzuber versus Tankstelle

Fürs Autofahren erweist sich die Robe hingegen als ungeeignet: „Da stechen die Streben in die Achsel. Man muss sich schon sehr aufrecht halten.“ Ins Auto packt sie ihre Kleider beispielsweise, um in Freilichtmuseen die authentische Bewohnerin zu mimen: Zeitgemäß gekleidete Menschen halten dann zum Beispiel in Wackershofen eine Bauernhochzeit, kochen über dem Holzfeuer, tafeln gemeinsam, feiern und waschen ab. Dass dabei die meiste Arbeit den Frauen überlassen bleibt, dass die Männer in der Kneipe rauchen und trinken – das ist für sie der Teil des historischen Deals, den sie hinterher nur allzu gern wieder ablegt, und es mildert den Aufprall in der Realität.

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Ilka mit Waschzuber im Freilichtmuseum. Ihr Kommentar zur Haube: “Manchmal braucht es auch etwas Mut zur Hässlichkeit.” Foto: Privat

Über das Ost-West-Gefälle bei der Morgenhygiene hingegen amüsiert sie sich: „Als Ostdeutsche finde ich nichts dabei, mich morgens am Zuber im Hof zu waschen und das Plumpsklo zu benutzen. Andere stehlen sich in die nächste Tankstelle, um sich dort zu betupfen.“ Beim Schlafen geht sie allerdings auch Kompromisse ein und zieht das Hotelbett dem Strohsack vor. Als Einkunftsquelle taugt das Ganze nicht: Die Museen stellen meist nur das Essen, die Übernachtung und das Brennholz.

Stilecht im Schloss

Weite Wege nimmt Ilka auch für die Treffen der authentischen Szene in Kauf, die sich dazu in stilecht erhaltene Schlösser in Polen, Frankreich und Deutschland zurückzieht. Die Anreise erfolgt in Reise- oder Reitgarderobe, „einer reist sogar immer mit der Kiepe auf dem Rücken an, denn es geht immer noch einen Zacken schärfer“, gefrühstückt wird in Hauskleidung. Sehhilfen haben zeitgenössisch oder als Kontaktlinsen unsichtbar zu sein, fotografiert wird wenig und wenn, dann diskret.

Das Essen bringen die Teilnehmer von zu Hause mit, und während der Treffen wird zwischen Bediensteten und Herren strikt unterschieden. „Man darf sich zum Beispiel nicht bedanken, wenn man bedient wird. Das finde ich nach wie vor schwierig“, gibt Ilka zu. In dieser Welt ist sogar der Pfarrer echt: Es predigt ein Ordinierter im zeitgenössischen Talar; Ilka hat ihn jüngst mit einem Alltagshabit für die Napoleonische Zeit ausstaffiert. Sie staunt noch immer ein wenig darüber, heute zu der Szene zu gehören, die sie vor Jahren aus unerreichbarer Ferne angehimmelt hatte: „Und jetzt fahre ich regelmäßig mit denen weg…“

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Hoch zu Roß in Reitgarderobe. Foto: Privat

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Prinzessin auf dem Ball: “Die Frauen kommen über die Kleider in die Szene – klar, wollen alle Prinzessinnen sein, ich ja auch. Die Männer finden den Zugang meist über die Militärhistorie.” Foto: Privat

„Wie auf dem Bild“

Die Quellenlage der Barockzeit ist gut, und die Kleiderexperten können sich unter anderem auf einschlägige Ölgemälde berufen. Beispielsweise stand das Gemälde des jungen Lord Dodington Pate für das Jungenoutfit, aus dem Ilkas Sohn inzwischen herausgewachsen ist. Für ihr eigenes taubenblaues Prinzessinnenkleid diente ein Original aus der Sammlung des Los Angeles County Museum of Art als Vorlage, und im Nachhinein fand sich ein passendes Gemälde.  „Es ist für mich das größte Kompliment, wenn Leute sagen, ich sähe aus wie auf dem Bild“, verrät sie, die auch beim viktorianischen Picknick des sonst eher düsteren Leipziger Wave Gothic Treffen für Farbtupfer sorgt – dokumentiert etwa bei Spiegel Online (Ilka die zweite von links).

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Jungengewand, dem Bild des jungen Lord Dodington nachempfunden.

Kniffe der Maßschneiderin

Als Autodidaktin ohne formale Schneiderlehre hat sich Ilka vieles angelesen. Einmal hat sie bei einer renommierten Konfektionsschneiderei angeheuert. Das hatte sich zwar nach kurzer Zeit wieder erledigt – die Aufwand-Nutzen-Abwägung fiel eindeutig zu ihren Ungunsten aus – und doch hat sie sich manches abgeschaut. Etliche Kniffe, die heute unüblich geworden sind, verdankt sie der pensionierten Maßschneiderin Uschi Wiese, bei der sie Privatstunden nahm. Was Ilka zuwege bringt, überzeugte letztlich auch die Betreuer der Handwerkskammer: 2009 gründete sie ihr Unternehmen, ohne Brief und Siegel.

Machtlos gegen Kassenbeiträge

In der Museumswelt wird Ilka inzwischen als Kleiderkoryphäe herumgereicht, und auch ihre Tanzworkshops sind halbwegs einträglich. Ihre Choreographien lehnt sie an historische Vorbilder an, die sie in Archiven und Bibliotheken ausgräbt. Aber – kann man davon leben? Klare Antwort: Nein. „In der Szene kann ich schon hin und wieder verkaufen, allerdings schneidern da auch viele selbst. Und leider hat das Handwerk keinen goldenen Boden mehr, wenn man heutige Garderobe anfertigt.“ Gegen die Beiträge für Krankenversicherung und Berufsverbände war sie mit ihrem Ladenumsatz letztlich machtlos.

Lenkerin im Umzugstruck

Ilka Sieler hat sich also wieder anstellen lassen, in Teilzeit. Ein bisschen Marketing, ein bisschen Buchhaltung und Personal, ein bisschen 21. Jahrhundert. Immerhin: Diesmal decken sich die Ansprüche ihrer Chefs mit ihren eigenen. Das Gehalt deckt Kosten und Haushaltsausgaben, für die Krankenversicherung ist gesorgt. Die Erlöse aus der historischen und modernen Schneiderei sind das Zubrot. Und wenn es Not tut, verkleidet sich Ilka auch für ihren Brotberuf. Als kürzlich ihr Büro umzog, lenkte Ilka den tonnenschweren Umzugs-LKW vollkommen stilecht: In Karohemd und alter Jeans.

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Titelbild:

Genau wie auf dem Bild: Ilka vor dem Bildnis der Marie Leopoldine zu Lippe-Detmold. Foto: Privat

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Discussion (1)

There is one response to “Die Zeitreisende”.

  1. Britta Kroker responded:

    · Reply

    Faszinierend, was ihr alles entdeckt. Macht Spaß!!

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