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Die Geduldsvermittlerin

Afsane Akhtar-Khawari entstammt einer iranischen Migrantenfamilie. Gleich nach dem Mauerfall entschied sie sich für den deutschen Osten. Heute leitet sie im Leipziger Westen eine kleine Gemeinschaftsunterkunft für Familien aus Syrien und anderswo.

Von Jana Dichelle

Ayman zeigt Handyfotos. Bilder von künstlichen Brunnen, von Steinen, die er übereinander gestapelt, gemauert, verputzt hat. Er hat auf dem Bau gearbeitet, mit kräftigen Händen, damals in Syrien, einem Land, in dem sich die Kriegsparteien heute darin überbieten, keinen Stein mehr auf dem anderen zu lassen. Ayman kann zupacken – und wusste sich und seiner Familie doch nicht anders als mit Flucht zu helfen.

Drei, bald vier Jahre waren er und seine Frau mit den beiden Söhnen unterwegs, „München, Chemnitz, Schneeberg, und jetzt Leipzig“, zählt er allein die deutschen Stationen auf, vor denen ungezählte im Ausland lagen. In Deutschland lebt er seit einem Jahr – womit seine Ankunft in die Zeit vor dem ganz großen Ansturm fiel. Inzwischen ist die Familie anerkannt und die seine Jungs, die Klassen für Deutsch als Zweitsprache besuchen, sprechen die neue Sprache leidlich.

Ruhepol mit Schrankwand

Afsanes Akhtar-Khawari ist als Sozialarbeiterin Ohr und Mund für die Familie aus Syrien und für 17 weitere, die in der Gemeinschaftsunterkunft im Leipziger Westen leben. Wer hierher kommt, hat zwar die Erstaufnahmeeinrichtung, aber nicht zwangsläufig das Asylverfahren hinter sich. Das Haus taugt zum Ruhepol während der oft jahrelangen Odysseen: normale Wohnungen, vom Sozialamt ausgestattet mit Schrankwänden, Sofas, Küchen, und vor allem einer Tür, die man als Familie hinter sich schließen kann.

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Flüchtlingsunterkunft mit Garten: Zeit und Platz zum Durchatmen…

 

Die Deutschkenntnisse im Haus sind noch zarte Pflänzchen, die Regeln der neuen Umwelt fremd, die Wege, die zum Ziel führen, nicht vertraut. Afsane organisiert, das Handy am Ohr, an diesem Morgen zuerst im Büro, dann bei den Familien, manchmal zwischen Tür und Angel, schließlich auf dem Sofa einer arabisch-blankgewienerten Wohnung bei einer Tasse Tee. Eine Wohnungsanzeige sieht interessant aus – gleich anrufen. Kindergartenplätze frei – gleich mit der Leiterin verhandeln. Geld ist ans Amt zurück zu überweisen – „Zieh Dich an, in zehn Minuten gehen wir zur Sparkasse.“

„Small problems“

Nicht alles ist einfach, manches braucht mehrere Anläufe. Afsane und Ayman kennen das schon. „Small problems“ heißt das in ihrer Kombination aus Englisch und Zeichensprache, mit der Betonung auf small: Daumen und Zeigefinger übereinander, dazwischen bleibt nur ein winziger Spalt für das kleine Problem. Dazu strahlen beide in verschmitzter Gelassenheit.

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… und Spielen.

Wir machen uns gemeinsam auf den Weg in die Sparkasse, Ayman hält galant den Regenschirm in den nieseligen Herbsthimmel. In den Straßen des Leipziger Westens wechseln neue Häuser mit solchen, an denen sich seit der Wende nicht allzu viel getan hat. Im Vorbeigehen sehen wir zwei Tischler in grüner Arbeitsmontur, die gerade die Haustür eines unsanierten Haus aufarbeiten. Ayman bedenkt sie mit einem sehnsüchtigen Blick: „I love work“, sagt er. Doch vor die Arbeit hat der deutsche Staat den Integrationskurs gesetzt, den Ayman seufzend auf sich nimmt, in der Hoffnung, bald wieder richtig zu arbeiten. Mit den Händen.

Israel und Ostdeutschland

Afsane wünscht es ihm: „Das bringt überhaupt nichts, die Leute ans Nichtstun zu gewöhnen.“ Doch der Weg zur Integration gleicht einem Geduldsspiel, bei dem man Kullern in Mulden lavieren muss, mit Fingerspitzengefühl, wohldosierter Bewegung und Beherztheit im richtigen Augenblick. Afsane hilft ihren Klienten, das richtige Maß von Warten und Handeln zu finden, damit sie hoffentlich eines Tages ganz in dieser Gesellschaft aufgehen.

Afsanes eigene Geschichte steht Modell: Sie hat hier studiert, geheiratet – einen Deutschen, genau wie ihre beiden Schwestern – ein Haus gebaut, drei Kinder geboren, die hier zur Schule gehen. Afsanes Eltern hatten den Iran vor ihrer Geburt in den 60-er Jahren verlassen: Zum einen mussten sie als Bahá’í mit religiöser Verfolgung rechnen, zum anderen wollten sie jedoch auch ihren Glauben in die Welt hinaus tragen. „Die Bahá’í-Religion kennt keinen Klerus“, erläutert Afsane. „Deshalb stehen wir Anhänger in der Pflicht, unseren Mitmenschen den neuen Glauben nahezubringen, von Herz zu Herz.“

Afsane kam in Köln zur Welt, später zog die Familie ins Saarland. „Weg vom persischen Klüngel“, erinnert sie sich an die soziale Kontrolle, die Kehrseite des Zusammenhalts. „Besuche untereinander wertete man aus: Das Essen bestand aus so und so vielen Gerichten, und der Reis war so und so … Das war meiner Mutter zu eng.“ Deshalb zog die Familie um, die drei Töchter machten in Neunkirchen ihr Abitur.

Und warum Leipzig? „Nach meinem Abitur im Saarland bin ich für ein Jahr nach Israel gegangen, um am Bahá’í-World Center zu dienen. Und in der Zeit fiel die Mauer. Als ich nach Deutschland zurückkam, hielt es mich nicht länger im Saarland.“ Afsane zog es in die Ferne – in die Nachwendeverwirrung des deutschen Ostens. „Ich habe mich in Berlin und Leipzig fürs Studium beworben, aber die wussten damals nichts mit meinem Westabitur anzufangen.“ Doch die Universität Halle immatrikulierte sie, zunächst für Deutsch und Englisch auf Lehramt, dann wechselte sie zu Sozialarbeit. „Ich habe viel über Land und Leute hier gelernt, die Wende war ja noch ganz frisch. Meine Kommilitoninnen haben mich zu ihren Familien eingeladen, und ich habe sie mit zu meiner Familie in den Westen genommen“, erinnert sie sich.

Persische Gelassenheit

Ihre Erfahrungen – im persischen Milieu, in Köln, dem Saarland, in der buntgemischten Bahá’í-Gemeinde und im Ostdeutschland der Nachwendezeit – bringt sie mit dem Bahá’ítum in Einklang, das allen Religionen das gleiche Existenzrecht zubilligt. „Alle Menschen sind gleich“, erklärt Afsane, „aber das Land, die Kultur und andere Bedingungen lassen bestimmte Mentalitäten entstehen. Ich habe inzwischen auch viele deutsche Denkweisen und Haltungen übernommen, und doch lebt auch die persische Mentalität in mir weiter. Ich merke das immer, wenn ich mit Persern zu tun habe: Das bringt eine besondere Saite in mir zum Schwingen.“ Das Herkunftsland ihrer Familie hat sie nie mit eigenen Augen gesehen: „Zu gefährlich“, sagt sie. Die Heiligtümer der Bahá’í im Iran darf man nicht betreten, und würde sie andere Gläubige besuchen, gerieten diese womöglich in Gefahr.

Doch das Persische in Afsane erklärt vermutlich ihren Vorrat an Gelassenheit, der ihr den Alltag erleichtert, aber auch die gegenwärtige Flüchtlingsdebatte einzuordnen hilft: „Da ist viel Angst, vor allem Berührungsängste, Angst vor dem Fremden. Und Ängste führen zu Haltungen, die sich verfestigen. Aber man muss seinen Ängsten ins Gesicht sehen, sich ihnen aussetzen. Es ist ja auch eine Illusion zu glauben, man könnte die Flüchtlinge wegwünschen und würde dann sicher und in Ruhe leben. Es sind ja nicht die Flüchtlinge, die die öffentliche Ordnung gefährden, sondern die Ängstlichen, die sich ihre Angst nicht eingestehen.“

Kontrastprogramm wider die Angst

Deshalb begrüßt sie es, wenn immer mal Leute fragen, ob sie mit den Flüchtlingen in Kontakt treten dürfen – jedenfalls prinzipiell. „Man muss abwägen. Manche habe ich schon abgelehnt und ihnen gesagt: Wir sind doch nicht im Zoo.“ An eine Begebenheit erinnert sie sich jedoch wohlwollend: Als zwei besonders schicke Leipzigerinnen persönlich Spenden überreichen wollten und auf eine Frau mit Kopftuch trafen. „Der Kontrast, das war ein Bild für die Götter. Die haben dann gefragt: Warum das Kopftuch? Und sind nachdenklich geworden, denn auch ihnen sind anzügliche Männerblicke unangenehm. Zumindest haben sie ihre Informationen jetzt aus erster Hand, und dann fällt die Verurteilung viel schwerer. Fragen stellen, Erfahrungen machen – alles ist besser, als Menschen von vornherein zu verurteilen“, sinniert Afsane lächelnd.

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Ayman und Afsane auf der Sparkasse, um Geld zurück zu überweisen: Small problems. Nichts schuldig bleiben, mit eigener Hände Arbeit Geld verdienen wollen: Kleine oder große Wünsche?

Sie ist froh, dass sich Flüchtlinge inzwischen nach vier Monaten im nachrangigen Arbeitsmarkt einreihen können: „Manche im Haus haben schon Arbeit.“ Ayman nicht. Aber zumindest ist die Sache mit dem Geld geregelt, das wollte er so schnell wie möglich geklärt wissen: Bloß nichts schuldig bleiben. Und irgendwann wieder Geld verdienen, mit eigener Hände Arbeit. Afsane begleitet ihn ein Stück des Weges.

 

Discussion (2)

There are 2 responses to “Die Geduldsvermittlerin”.

  1. maria klampaeckel responded:

    · Reply

    Betreff:
    Euer schöner Text über die Geduldsvermittlerin

    Nachricht:
    Hallo und schönen Sonntag, bin gestern über Leipzig – Stadt für
    alle auf eure Website und den Text über die Geduldsvermittlerin
    gelangt – wunderbar, diese Frau und dass ihr’s aufgeschrieben habt!
    Ich habe den Post sehr gern geteilt, da ich auf meiner kl FB-Seite vor
    allem Zuversicht und Anregung gebende Infos zum Thema Flüchtlinge
    veröffentliche. Danke also und lg, Maria

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