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Der musikalische Handlungsreisende

Ein jettender Manager ohne Schlips und Kragen: Lubomir Dshokow hat sich selbst globalisiert. Als Geigenbauer packt er zu Hause das ganz feine Besteck aus. Über ein klangvolles Leben zwischen Bulgarien, einer Leipziger Werkstatt und der weiten Welt.

Von Jana Dichelle

Lubomir Dshokow entstammt einer Händlerfamilie. „Mein erstes Geschäft war ein Tausch: Ein Pudel gegen eine italienische Gitarre. Der Vater eines Freundes war verstorben und hatte ihm die Gitarre vererbt. Und der Freund war verliebt in meinen kleinen Welpen. So habe ich mit 14 Jahren, damals in Bulgarien, zum ersten Mal gehandelt.“ Bis heute verschmilzt er Handel und Musik zum Amalgam seines Lebens.

Über dem Laden steht: „An- und Verkauf, Musikinstrumente aller Art“. Tritt man ein, gelangt man in ein Musikgeschäft vom alten Schlag, das eine gute Filmkulisse abgäbe: Ein altes Klavier, dahinter dicht an dicht Akkordeons, eine antike Ladentheke vor einer Auswahl von Streichinstrumenten. Das Geschäft liegt am Stadtrand von Leipzig – hierhin gerät man nicht zufällig, man muss Bescheid wissen. „Eigentlich könnte ich den Laden dicht machen, die Laufkundschaft bleibt aus“, erklärt er.

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Dass man sich um ihn und seine Familie dennoch keine Sorgen machen muss, liegt an Lubomirs umtriebigem Wesen: Als Reisender in Sachen Instrumentenhandel ist er jeden Monat durchschnittlich zehn Tage lang unterwegs – in der ganzen Welt. Seine Route im Mai zog sich über Hamburg nach Belgien bis Garmisch-Partenkirchen, weiter über die Schweiz nach Italien und dann über Nizza nach Barcelona – runde 5.000 Kilometer im Wohnmobil. Und überall unterwegs kennt er Leute, mit denen er handelt, mit denen er isst, trinkt, sich austauscht. Sein Deutsch ist slawisch gefärbt, arm an Artikeln und reich an Bildern. Italienisch spricht er leidlich, Englisch halbwegs, Russisch –„Russen gibt es überall“ – ist dem Bulgarischen ähnlich genug, Französisch nicht so. Vorzüge und Nachteile der einzelnen Kulturen kennt er aus eigenem Erleben, aber in seiner zupackenden und offenen Art einigt er sich mit fast allen.

Familientreffen in Japan

„Man erlebt sehr viel auf Reisen“, bestätigt er die landläufige Weisheit. Seit ein paar Jahren verkauft er auch in Japan: „Wir haben uns vorgetastet: Zuerst war ich mit meiner Frau dort im Urlaub, die letzten Tage haben wir uns zur Messe getraut. War das ein Hallo! Es sind dieselben Instrumentenhändler, die ich auch San Francisco, Paris und Shanghai kannte, eine große Familie.“ Seither ist das Eis gebrochen, und Japan zählt zur alljährlichen Agenda.

„Unterwegs verkaufe ich und kaufe Arbeit – aber nur, wenn es sich lohnt.“ Arbeit kaufen – damit verweist er auf seinen erlernten Beruf des Geigenbauers, den er im Obergeschoss seines Geschäftshauses ausübt: Im zarten Alter von 14 Jahren hatte er seine Lehre begonnen, „mit 18 Jahren war ich fertiger Geigenbauer“, erzählt er. Den Weg in diesen Beruf hatte dem Halbwüchsigen die Leiterin seines Mandolinenorchesters gewiesen, die beobachtet hatte, wie er kleinere Schäden an den Instrumenten selbst behob – „dilettantisch damals, natürlich, aber ich wusste mir und den anderen zu helfen.“

Verwanzt in der DDR

Geigenbauer ist er seit nunmehr 45 Jahren, und parallel folgte er einer Musikerlaufbahn als Konzertgitarrist, der er zehn Jahre lang treu blieb. Als es ihn 1983 der Liebe wegen in die DDR verschlug, verdingte er sich zunächst als angestellter Gitarrenlehrer. Auch mit seinen Schülern hatte er einen Deal: Schonungslose Fehlerkorrektur – er an ihrem Spiel, sie an seinem Deutsch. Nach einem runden Jahr sprach er geschäftstauglich.

„Einmal schickte mich die Musikschule, eine Geige im Vogtland reparieren zu lassen. Und da hat dieser bekannte Geigenbaumeister die Geige vor meinen Augen misshandelt. Bauen konnte er wunderbar, aber reparieren… Da dachte ich mir: Wozu habe ich denn Geigenbauer gelernt?“ Und er begann, in Berlin zu kaufen, zu reparieren und in Kommission zu verkaufen. Der Arbeiter- und Bauernstaat vermochte seine Händlerseele nicht zu zähmen: „Es gab einen großen Bedarf, auch, weil viele Westeuropäer in der DDR Instrumente kauften“, erinnert er sich.

Werkstatt

Werkstatt, Werkzeug, Klang

Es dauerte nicht lange, da überstiegen seine Einkünfte das Maß des Erlaubten und seine Wohnung war verwanzt. „Es war ja nicht gestohlen, ich hatte es redlich erarbeitet“, wundert er sich noch heute. 1989 enteignete man ihn. Später offenbarte ihm ein Ex-Stasi-Beobachter, man habe ihn so lange gewähren lassen, weil er als Gitarrenlehrer unentbehrlich gewesen sei. Mit der Wende hatte er die Wahl: Klagen oder einfach das Geld zurück. „Ich wollte keine Rache, das hat mich nicht interessiert.“

Bespielbare Geldanlage

Und damit war der Grundstock gelegt für sein Unternehmen, in dem er endlich nach Gutdünken schalten und walten konnte. „Die ersten Jahre hatte ich lange Schlangen vor meinen Geschäften, in Berlin und in Leipzig“, erinnert er sich. Inzwischen ist es ruhig um den Laden, sein Geld verdient er auf Reisen, auf seinen Europatouren, aber auch auf den großen Musikmessen in Tokio, San Francisco oder Shanghai.

„Das Internet…“, seufzt er, der modernen Kommunikationsmitteln bestenfalls Argwohn entgegenbringt und sie komplett seiner Frau überlässt. „Im unteren Preissegment, bei den Schulinstrumenten, beherrscht heute die Karbongeige den Markt. Wird im Internet gehandelt. Die ist computergesteuert gebaut und auch klanglich gut, deshalb lohnt sich das Geschäft für mich nicht mehr.“

Wehmut schwingt da schon mit – so, wie er bedauert, sein Auto nicht mehr selbst reparieren zu können. Damals, als er noch den Keilriemen seines 311er Wartburg selbst wechseln konnte, als er quer durch Osteuropa fuhr und von keiner Werkstatt abhängig war – das entsprach seiner Vorstellung von Unabhängigkeit. Jüngst hat er ihn verkauft, den 311er, an einen Liebhaber, der den guten Zustand des Oldtimers schätzte – tausendfach geflickt, aber immer mit Originalteilen.

Für sein Geschäft jedoch belässt es Lubomir Dshokow nicht beim Lamentieren. Er hat sich wieder umgestellt und nimmt sich heute vornehmlich jener Geigen an, die noch Erlöse versprechen. Dazu zieht er sich den metaphorischen weißen Kittel an und trimmt Spitzeninstrumente wieder auf Höchstleistung. Für die Retusche nutzt er ein Labor wie ein Maler. „Das“, erläutert er, „muss man mit Liebe machen, da darf man nichts kaputt machen.“ Solche Instrumente gehen hinterher oft genug als Anlageobjekte über den Ladentisch. „So ist eben der Markt“, verweist Lubomir Dshokow achselzuckend auf eine Preisdynamik, die er nicht gemacht hat, die der im Kunstmarkt ähnelt – und die letztlich auch für Musiker bedeutet, dass sie tiefer in die Tasche greifen müssen.

Handelsglück und Handwerkerehre

Von den Musikern wünscht er sich indes mehr Vertrauen: „In Italien oder Frankreich gehört das Geigenbauseminar zum Musikstudium, in Deutschland nicht. Respekt vor dem Geigenbauer vermisse ich hier manchmal. Wenn einer gut spielt, kann er andere beeinflussen bei der Wahl des Instruments, aber er liegt nicht immer richtig.“ Manchem sei beispielsweise nicht klar, dass Instrumente erst eingespielt werden wollen, bevor sie ihren vollen Klang entfalten.

Konzertgitarrist, Handlungsreisender, Geigenbauer – Lubomir Dshokow vereint auf sich eine berufliche Vielfalt, die das Maß des in Deutschland Üblichen sprengt. „Das deutsche Expertentum hat auch gute Seiten. Aber wer zum Beispiel als Geigenbauer keinen Handel treibt, bleibt ein Sklave seines Berufs“, so seine Überzeugung. Und er verweist auf die vielen Handwerker beispielsweise in Markneukirchen, die die Margen von jeher ihren Großhändlern überlassen müssen.

Obschon er Gitarrist ist, weiß er auch Streichinstrumente sachkundig zu bedienen. „Man braucht in meinem Beruf schon den musikalischen Geschmack, um Schrott von einem Spitzeninstrument zu unterscheiden, sonst bleibt man ein Tischler. Kann sein ein guter Tischler, aber ein Tischler. Das andere ist Geigenbaukunst“, erklärt er, der inzwischen auch Werkzeuge anderer Geigenbauer übernommen hat, die sich zur Ruhe gesetzt haben.

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In der Werkstatt: Atelier wie ein Maler

Jüngst hat er in Thüringen investiert: Er hat ein Stück Wald gekauft, dessen Holz dereinst zu Instrumenten verarbeitet werden soll. „Ob ein Holz klingt, hört das geschulte Ohr schon, wenn man gegen den noch lebenden Baum schlägt.“ Eine Investition in die Zukunft: Ist der Baum gefällt, muss das Holz 15 Jahre lang trocknen und ausharzen, ehe es ein Geigenbauer anfassen kann, ehe eine Fichtendecke ein Instrument zum Klingen bringt.

Wenn der Vater mit dem Sohne…

Lubomir Dshokow hofft, selbst so lange das Heft in der Hand zu halten – und denkt doch auch an den Nachwuchs. Noch ist nicht klar, ob das Geschäft in der Familie bleibt: Die älteste Tochter ist als Musiklehrerin aus dem Haus gegangen, der ältere Sohn spielt Bratsche und hat andere Pläne. Ob der jüngste, der 13-jährige Sohn in seine Fußstapfen treten will? „Mal sehen, ob ich ihn noch infizieren kann. Er spielt im Jugendorchester der Musikschule Leipzig, und jetzt bauen wir gemeinsam, Vater und Sohn, einen Kontrabass.“

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