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Der Kaffeegenosse

Von vorne bis hinten fair: Jens Kleins Genossenschaft Cafe Chavalo sorgt solidarisch für das Schälchen Heeßen. Für das gute Gewissen der Kaffeesachsen und den Schulbus in Nicaragua heuert er ab und zu ein Segelschiff an.

Titelbild:  Jens Klein (rechts) fachsimpelnd mit einem Kaffeebauern.

Von Jana Dichelle

Nein, mitgesegelt ist Jens Klein noch nie. Sieben Monate sind eine lange Zeit, wenn man Familie und ein kleines Kind zu Hause hat. Vorerst bleibt es ein Traum für ihn: Einmal auf dem Frachtsegler Avontuur über den Atlantik zu schippern, die eigenen Kaffeesäcke mit der Mannschaft an Bord zu hieven und loszusegeln, mit und gegen den Wind, wochenlang nichts als salzige Luft um die Nase. Und dann im Zielhafen: Die Ladung löschen, Säcke schleppen mit Muskelkraft, wie in alter Zeit.

Chavalo Segelboot

Kontinentenüberspannende Kunst: Die Berge im HIntergrund hat der nicaraguanische Künstler Carlos Vargas mit Kaffee gemalt, in den Vordergrund hat Katrin Kirmse die Avontuur gesetzt, das Segelschiff, das (manchmal) den Kaffee bringt.

Wie sich das gehört

Jens Klein importiert Kaffee aus Nicaragua. Und Kakao. Und Gewürze, die im tropischen Klima wie Unkraut gedeihen und eher der indischen Küche zugerechnet werden: Gelbwurz und Ingwer. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Nur ein Bruchteil seiner Ware erreicht Europa segelnd. Die größten Seefahrerromantiker ernüchtern, wenn die Transport- und Liegekosten ins Horrende kippen, weil die Häfen komplett auf Container umgestellt haben. Deshalb lässt auch Jens Klein die meisten seiner Kaffeesäcke und anderen Lebensmittel in einen Container packen, der den Atlantik brav auf einem schwerölbetriebenen Containerschiff quert. Wie sich das gehört.

Doch was gehört sich tatsächlich in der globalisierten Wirtschaftswelt? Dieses Fragezeichen treibt Jens Klein von Jugend an um. Über die katholische Jugendarbeit kam er zum Dienst im Weltladen und machte sich auf den biofairen Weg. Dafür hängte er schließlich seinen passablen Journalistenjob an den Nagel. Er wollte sich ganz dem Kaffee zuwenden – und jenen Menschen, deren Hände Arbeit wir das Genussmittel verdanken. Und zwar ganz direkt: „Ich wollte unmittelbar mit den Bauern zusammenarbeiten und regelmäßig vor Ort sehen, was passiert.“

 

Chavalo Bohnen

Nach der Ernte

Chavalo Bäuerin

Kaffee-Bäuerin in Nicaragua

Chavalo Bohnen trocknen

Die Sonne hilft auch mit: Die Bohnen werden im Freien getrocknet.

Spekulationsobjekt Kaffee

Es sind keine Plantagen, auf denen der Chavalo-Kaffee angebaut wird, damit geht es schon mal los. Es sind die Fincas genossenschaftlich organisierter Kleinbauern, die sich von den Plantagen abgrenzen. Plantagen – das sind jene Orte, an denen der Welthandelskaffee in Monokultur angebaut wird, der später, säuberlich nach Sorten getrennt, an der Börse gehandelt wird: Arabica in New York, Robusta in London, Spekulationsobjekte, genau wie Gold. Verfällt der Preis, werden die Bohnen in Silos gehortet, bis das Geschäft sich wieder lohnt. Für die Kaffeebauern lohnt es sich hingegen kaum. Häufig bleibt ihnen nicht genug zum Leben, oder die Schulbildung ihrer Kinder bleibt auf der Strecke.

Cafe Chavalo macht es anders. „Wir haben ein Preismodell, das den Bauern ein Mindestmaß an Planungssicherheit garantiert, und den Schulbus für ihre Kinder. Wenn der Weltmarktpreis über einer bestimmten Schwelle liegt, dann zahlen wir den. Fällt der Preis darunter, garantieren wir einen Mindestabnahmepreis.“ Ungefähr 600 Bauern haben sich in Café Chavalos Partnerkooperative zusammengeschlossen. Manche Familien bearbeiten einen halben, andere sieben Hektar. Ihre Überschüsse gehen in einen Fond, dessen Ausgaben gemeinschaftlich verfügt werden: Für die Schule, die Zahnklinik, einen neuen Computer für die Verwaltung oder eine neue Stelle.

CHavalo Schulbus

Das ist der Schulbus, den sich die Familien erstmal leisten können müssen. Die Genossenschaft von Jens Klein macht das allen Bauern für ihre Kinder möglich – selbst, wenn der Welthandelspreis für Kaffee mal gesunken ist.

Auf Augenhöhe

Jens Klein kennt nicht alle Genossenschaftsbauern. „Wir können nicht zu jedem der 600 Bauern einen Draht haben. Aber mir liegt daran, dass ich nicht immer nur mit den Geschäftsführern verhandle. Wenn ich ein, zwei Mal im Jahr dort bin, fahre ich zu möglichst vielen Fincas. Außerdem will ich, dass der Kontakt keine Einbahnstraße ist.“ Und er strahlt, als er von Daisy aus Nicaragua erzählt. Keine Chefin, sondern eine Kaffee-Sommelière, die sich gerade zweieinhalb Monate lang in Deutschland angeschaut hat, was hier mit ihren Bohnen passiert. Sie hat den deutschen Kollegen über die Schulter geschaut und mehrere Kaffeeröstereien gesehen: Die in Leipzig, die wegen der hohen Nachfrage aus allen Nähten platzt, und eine große Rösterei in Hamburg. „Es war ihre erste Auslandsreise. Und die ging eben nicht nach Honduras, sondern gleich über den Atlantik.“

Chavolo Finca

Eine Finca in den Bergen, wo der Kaffee wächst.

Wege aus der Monokultur

2014 war das erste Geschäftsjahr, und 2015 überquerten die ersten Säcke mit dem Chavalo-Aufdruck den Atlantik. Bisher war immer noch Spielraum im Container, aber ab 2019 bekommt die Genossenschaft einen Container  randvoll. Mit Kaffee, Gelbwurz und Ingwer. Der Kakao kommt separat im eigenen Container. Die Gewürze weisen den Chavalo-Bauern einen Weg aus der Monokultur, und das dient sowohl dem ökologischen Gleichgewicht als auch den Bauern: Wenn der Kaffee mal weniger gut gedeiht, kommen die Familien trotzdem über die Runden. Das ist ein Teil der gelebten Solidarität, die Jens Klein vorschwebte, als er Cafe Chavalo ins Leben rief. „Außerdem“, ergänzt er verschmitzt, „wollte ich den Kakao selber gerne haben.“ Inzwischen gibt es Leipziger Honig, der mit nicaraguanischem Kakao veredelt ist. Auch beim Kaffee wird gemischt – aber nur die Bohnen untereinander: „Wir nehmen unterschiedliche Qualitäten ab. Die Bohnen müssen nur homogen genug sein, dass ihre Röstzeit nicht zu weit auseinanderklafft. Sonst kommt kein vernünftiger Kaffee heraus“, erklärt er.

Jens Klein sucht nach Wegen, die gesamte Wertschöpfungskette fair hinzubekommen – vom Samenkorn bis in die Kaffeetasse hinein. Bei der Packungsgestaltung hat sich eine Symbiose ergeben: Kaffee wird in Nicaragua nicht nur getrunken, sondern auch vermalt. Die Bilder des Kaffeekünstlers Carlos Vargas, den Jens Klein kennengelernt hat, zieren die Packungen. Sie bilden den Hintergrund, auf dem die Leipziger Grafikerin Katrin Kirmse Etiketten gestaltet, die Tüten und Gläser zu einer Augenweide werden lassen. Und ab und zu zeichnet sie ein Segelboot.

Chavalo Espresso_backfront_neu

So kommt der Kaffe in die Regale…

CafeChavalo_Sortiment

… und so der Rest des Sortiments – im Packungsdesign von Katrin Kirmse.

„Muckefuck schmeckt besser“

Das Abwiegen und Eintüten übernimmt eine Behindertenwerkstatt des Christlichen Sozialwerks. „Einmal“, erzählt er, „habe ich mit den behinderten Mitarbeitern dort den Kaffee verkostet, damit sie wissen, wofür sie arbeiten. Mit geteiltem Echo. Ein Mitarbeiter klopfte mir hinterher auf die Schulter und sagte: ,Muckefuck schmeckt besser.‘“

Nicht nur die üblichen Verdächtigen

Zum Glück teilen nicht alle diese Auffassung. Chavalo-Kaffee geht in ganz Deutschland über die Ladentische, ungefähr 30 Prozent wird in Leipzig in Bioläden, Weltläden und im Unverpackt-Laden verkauft. Neben den üblichen Verdächtigen beziehen Gastrokunden ihr Koffein von Cafe Chavalo, ebenso wie eine Anwaltskanzlei, die sich regelmäßig ihren Eimer Kaffeebohnen abholt. Und ein Hafen hat den Segelkaffee als Weihnachtsgeschenk für seine Kunden geordert. „Am besten finde ich es, wenn wir Leute erreichen, die bisher mit fairen Produkten noch nicht so viel am Hut haben. Dann sind die Effekte größer, als wenn jemand von fairem Gepa-Kaffee auf uns umschwenkt.“

Die Tücken des Geschäfts

Learning-by-Doing – so hat sich Jens Klein in sein Geschäft hineingearbeitet. Gesetzliche Vorgaben und Zollvorschriften, das Wissen über Röstverfahren und Vertrieb hat er sich häppchenweise angeeignet. Was nicht heißt, dass ihn nicht ab und an gewisse Tücken kalt erwischen. Wenn zum Beispiel zum dritten Mal in Folge sein Container beim Zoll herausgefischt wird, zur Röntgenkontrolle auf Drogen. Für solche Stichproben zahlt der Importeur die Zeche, und Jens Klein hatte schon den Verdacht, dass man ihn auf dem Kieker hätte. „Es liegt aber wohl daran, dass unser Container immer am Monatsende anlandet. Dann fehlen oftmals noch ein paar Container für die Zoll-Statistik. Und natürlich bleibt immer ein Rest Unsicherheit: Ich stehe ja nicht daneben, wenn der Container beladen wird.“ Bislang konnte er jedes Mal aufatmen: Keiner hatte ein Kuckucksei hineingelegt.

Chavalo Kaffeesäcke

Bereit zur Überquerung des Atlantik: Kaffeesäcke in der Lagerhalle

Ein Quentchen von acht Tonnen

Und dann war da noch die Sache mit der Kakaorösterei: Als Jens Klein zum ersten Mal acht Tonnen Kakaobohnen importieren wollte, hielt er das für eine stattliche Menge. In den Augen der großen Kakaoverarbeiter ist es jedoch kaum der Rede wert – und keiner wollte sich damit abgeben. Bis sich in Holland ein Verarbeiter breitschlagen ließ. Der wiederum hat als Bio-Verarbeiter einen Ruf zu verlieren und lässt jede Charge intensiv auf Schadstoffe prüfen. Kontaminierte Ware wird gnadenlos abgewiesen. „Wir durften den Container keinesfalls ausräuchern lassen, und dann habe ich gebangt. Wenn das Labor irgendwelche Rückstände gefunden hätte, wäre ich auf meinen Kakaobohnen sitzen geblieben.“ Ist er nicht. Und somit ist die Bioqualität seines Kakaos „Cacaonica“ jetzt doppelt verbrieft.

Seefahrerromantik

Aber kann es so etwas wie lückenlose Fairness geben? Der ausbeuterische und zudem umweltzerstörende Transportweg per Containerschiff ist im fairen Handel ein Wermutstropfen, den Jens Klein nicht unwidersprochen hinnehmen wollte. Deshalb kam er auf das Segelschiff – ohne der Illusion zu verfallen, dass der Welthandel geschlossen zum Dreimaster zurückkehren könnte. „Damit ändern wir nicht die Bedingungen der Containerschifffahrt“, ist er sich des Tropfens auf den heißen Stein bewusst, „aber wir lenken die Aufmerksamkeit der Menschen darauf, wie unsere Waren normalerweise zu uns kommen, dass Schweröl die Umwelt belastet, dass das Arbeitsrecht der philippinischen Schiffsmaschinisten mit Füßen getreten wird, dass der Transport ein schmutziges Geschäft ist. Dass sich also etwas ändern muss.“

Das mit den Hafengebühren ist inzwischen auch geklärt. Jenseits des Atlantiks hat sich ein honduranischer Hafen mit moderaten Preisen zur Verfügung gestellt, und in Hamburg landete die Avontuur zuletzt vor dem Hafenmuseum an. Dort ist sie eine Sensation, ihrer wird mit Fernseh- und Zeitungsbeiträgen gehuldigt. Damit ist auch dieser Plan aufgegangen: Der Handel über die Weltmeere wird zum öffentlichen Gesprächsthema.

Und ein weiterer Traum hat sich für Jens Klein erfüllt: Er hat Cafe Chavalo zur Genossenschaft gemacht, an der sich seine Familie ebenso beteiligt wie einige seiner Kunden, Partner und die Bauern in Nicaragua. Transatlantische Genossen, sozusagen, die den Welthandel nicht umwälzen werden. Aber ihren Ausschnitt der Welt gestalten sie so gerecht es nur geht – und zeigen, wie wenig es eigentlich dafür braucht.

CHavalo landschaft

So sieht’s dort aus, in Nicaragua.

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