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Das Atelier im Pfarrhaus

Sie Pfarrerin, er bildender Künstler, und im Garten eine Banja: Eine russisch-deutsche Familiengeschichte aus der sächsischen Provinz.

Von Jana Dichelle

Als Alexander Prokopiev ein kleiner Junge war, waren Buntstifte sein größter Traum. Sein älterer Bruder hatte welche bekommen, als er in die Schule kam. Und seither hatte Alexander, genannt Sascha, den eigenen ersten Schultag herbeigesehnt: Endlich ein Paket Holzbuntstifte! Er wurde nicht enttäuscht. Noch heute glänzen seine Augen, wenn er an das Glück des beschenkten Sechsjährigen denkt. Das war Ende der 60-er Jahre in der Sowjetunion. Sascha Prokopiev wuchs mit seinen zwei Geschwistern in der autonomen Sowjetrepublik Tschuwaschien auf, in einem kleinen Holzhaus. Und das steht heute noch, fast 700 Kilometer östlich von Moskau, an der Wolga gelegen, wo Russland groß ist und der Zar weit.

Öl statt Buntstifte

überfluss an Farben

Ein Überfluss an Farben. Keine Buntstifte mehr.

Das Holzhaus ließ er hinter sich, heute lebt er in einem ehernen Pfarrhaus in der sächsischen Provinz, mit Mauern wie für die Ewigkeit. Seinen Namen hat er als Reminiszenz an seine Wurzeln um das Künstlerpseudonym Lexander Prokogh erweitert: So spricht sich sein Name auf tschuwaschisch. Und statt mit Buntstiften malt er in Öl, mit einem Überfluss an Farbtönen in allen nur denkbaren Nuancen, die er aus Tuben quetscht, aus Gläsern und Töpfen auf der Palette mischt. Kraftvoll setzt der jugendlich wirkende 50-jährige den Pinsel an, routiniert überträgt er das Bild aus seinem Kopf auf die Leinwand. Seine Werke heute sind die eines reifen Mannes, tiefgründig und doppelbödig.

Es war auf einer Zugfahrt 1994 nach Moskau, als Sabine Prokopiev ihren künftigen Mann traf. Sie kehrte gerade zurück zu ihrem freiwilligen sozialen Jahr in einem Moskauer Heim für schwer behinderte Kinder, „voller Elan und Plan“, wie sie heute sagt. Sie hatte eine Pause gebraucht von Elend und Trostlosigkeit und sich in Dresden bei den Eltern erholt. Jetzt saß ihr gegenüber im Abteil dieser junge Mann, der, wie sie erstaunt feststellte, sein Lächeln in den Schlaf hinübergerettet hatte. Zu verdanken war das den Grenzern: Sascha hatte Zweifel daran gehabt, durchgelassen zu werden, sie jedoch ließen ihn anstandslos passieren. Nach Hause – ein seliges Lächeln. „Die Zugfahrt hat uns viel Zeit geschenkt“, erinnert sich Sabine. Bevor sie ausstiegen, tauschten sie ihre Telefonnummern aus.

Brunnen, Holz und Garten

Saschas Zuhause: Das war russisches Landleben, russische Einfachheit, bestimmt vom Takt der Jahreszeiten, vom Garten, in dem die Familie ihre hauptsächliche Nahrungsversorgung selbst anbaute. Die Mutter war Wäscherin in einem Internat, der Vater arbeitete als Traktorist, das Familieneinkommen war gering. Ihr Wasser holten sie vom Brunnen, ihr Abort stand im Hof, zum Heizen hackten sie Holz. „Es war ärmlich, und es war frei“, erzählt Sascha mit ausgebreiteten Armen, die ahnen lassen, was ihm Freiheit bedeutet. Er erinnert sich an die Lohntage, an denen die Männer des Dorfes zur Wodka-Ziehung mit Picknick in den Wald zogen. Wankten sie dann nach Hause, hinterließen sie am Ort des Gelages mal Kekse, mal ein Stück Wurst, und die Kinder freuten sich diebisch über die abfallenden Leckerbissen.

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Bild Müde, 95×133, Öl auf Leinwand 2013 Foto: Privat

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Bild Biss, 150×150, Öl auf Leinwand, 2013 Foto: Privat

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Bild Cut, 180×140, Öl auf Leinwand, 2013 Foto: Privat

 

Telefon zu Unzeiten

Für Sabines Kindheit hingegen ist „wohlbehütet“ das passende Adjektiv: Traditionell, im sächsischen Pfarrhaus, die Eltern trugen dafür Sorge, dass die vier Mädchen ihre Talente entfalten. Sabine übte sich früh auf der Geige, und sie ist dem Instrument bis heute treu. Pfarrerin ist sie wider besseres Wissen geworden: Dass es in diesem Beruf kein normales Familienleben gibt, dass Pfarrer arbeiten, wenn andere frei haben und das Telefon zu Unzeiten klingelt, all das kannte sie aus Erfahrung. Und genau das lebt sie heute, als Pfarrerin in den Kirchgemeinden St. Egidien und Bernsdorf, zwischen Chemnitz und Zwickau gelegen.

„Russland hat mich verändert“, erklärt sie ihren Sinneswandel, „Warum so viel Leid? Ich wollte es wissen, wo ist da Gott?“ Die Abende nach der Arbeit im Kinderheim verbrachte sie oft bei zwei Menschen, denen sie im Haushalt zur Hand ging, die sie mit Menschlichkeit, Wissen und Fragen umgaben. „Eigentlich sollte ich ihnen helfen, aber es war wohl umgekehrt: Sie haben mich gerettet.“ Sie sprachen viel, und besonders beeindruckt war sie von dem belesenen, spastisch gelähmten Alexander Annissimowitsch, dessen Mutter ihn mit Zähnen und Klauen vor der Heimeinweisung bewahrt hatte. Er riet der jungen Deutschen, ihre Fragen zu klären. Sie folgerte: Ich studiere Theologie.

Nutzlose Kunst

Dass Sascha Künstler wurde, war ihm nicht an der Wiege gesungen. Den Eltern war es wichtig, dass die drei Kinder in Haus, Hof und Garten helfen. Musik, Tanz oder Malerei waren an sich zwar nicht schlimm, aber nutzlos fürs Überleben, also nebensächliches Beiwerk.

Es war ein Kriegsveteran, der in der Nachbarschaft lebte und auf Sascha aufmerksam wurde. Zunächst auf seinen kraftvollen Tanz, später fiel ihm auf, dass der Junge auch malen konnte. Iwan Fjodoritsch schrieb den Jungen an der Kinderkunstschule ein, wo er drei Mal die Woche in die Geheimnisse der bildenden Kunst eingewiesen wurde: Malerei, Zeichnung, Bildkomposition. Und in der dritten Klasse begegneten ihm hier zum ersten Mal Wassermalfarben.

Folgerichtig wurde er nach der 9. Klasse zur vierjährigen künstlerischen Berufsausbildung in der Republikhauptstadt Tscheboksary zugelassen, wo klassische Malerei, Zeichnung, Interieur- und Graphikdesign auf dem Lehrplan standen. Unweigerlich folgten darauf zwei Armeejahre, und ab 1985 arbeitete er als Designer und Künstler für einen Betrieb. Dort hielt es den ambitionierten jungen Mann zwei Jahre, bis er des Studiums an der Stroganov-Hochschule in Moskau für würdig befunden wurde. Hier erlebte er die Umbruchjahre 1987 bis 1992 unablässig malend, skulpturierend, schaffend – und das Leben umarmend.

Die Mutter wünschte sich, dass Sascha nach Hause zurückkehrt, eine Familie gründet und später für die Eltern sorgt. Doch er konnte seine Erfahrungen nicht mehr in Einklang bringen mit der Heimat, konnte seine künstlerischen Vorstellungen dort nicht verwirklichen. “So schmerzhaft es auch war, Heimat und Eltern zu verlassen, so hin- und hergerissen ich mich auch fühlte,  ich musste weg. Aber es war mir sehr wichtig, die Eltern zweimal im Jahr zu besuchen”, sagt er heute.

Ikonen auf dem Fenstersims

Was Sascha an Sabine beeindruckte, das war, „wie sie sich für wildfremde Menschen aufopferte. Diese Seite vom Leben, dass es so etwas gibt… Ich hatte ja immer nur Sinn für mein Eigenes, da bin ich eher ein egomanischer Künstler“, sinniert Sascha, der sich seit Sabines Theologiestudium wieder für die eigenen russisch-orthodoxen Wurzeln interessiert. Sabine lächelt dazu: „Es ist schon seltsam, dass und wie uns Gott uns zusammengeführt hat, so unterschiedlich, wie wir sind.“

Es war nicht Gott, sondern ihre Eltern, die die Tochter anhielten, die Partnerwahl zu überdenken: Die vielen Kontraste. Die andere Sprache, Kultur und Konfession. Das Künstlermilieu. Sabines Eltern wollten, dass es die Tochter nicht so schwer hat. „Das hätte ganz schön langweilig werden können“, schmunzelt die evangelische Pfarrerin, in deren Küche auch ein paar Ikonen den Fenstersims schmücken.

Splitter um die ganze Welt

Nach dem Studium lebte Sascha seinen Traum: „Damals schien uns, dass die ganze Welt uns gehört. Alle Grenzen sind offen, Amerikaner, Russen, Franzosen – jeder kann sich ausleben. Die Wende glich einer großen Explosion, und die Splitter gingen um die ganze Welt“, erinnert er sich mit funkelnden Augen und raumgreifenden Armbewegungen.

„Die ersten Jahre“, erklärt Sabine, „ist Sascha immer ohne meine Hilfe eingereist, als Künstler.“ Er, der talentierte, energiegeladene und hochkarätig ausgebildete Maler, arbeitete zunächst jahrelang als Kopist in Berliner Galerien, suchte Wohnraum, kämpfte mit der fremden Sprache, ums finanzielle Überleben. Das war, als Sabine in Leipzig und Berlin ihrem Theologiestudium nachging. War er zurück in Russland, schrieben sie Briefe und telefonierten. „Das war richtig teuer“, denkt Sabine an das Offline-Zeitalter zurück.

Als sie dann verheiratet waren, die Kinder zur Welt kamen und das Geld knapp war, verdingte er sich als Porträtmaler auf den Straßen Berlins und an den Ostsee-Strandpromenaden. „Prostitution“ nennt er das heute, mit Schalk in den Augen, „aber wir Russen beherrschen eben die Zeichentechnik.“ Damals erging es den Künstlern nicht anders als den virtuosen Musikern, Zöglinge der besten Konservatorien, die angesichts der wirtschaftlichen Not in ihrer Heimat plötzlich in deutschen Fußgängerzonen aufspielten. Und auch in der bildenden Kunst kam so viel Exzellenz aus dem Osten, dass es den Kunstmarkt überforderte. Sascha Prokopiev spürt das bis heute: „Oft erlebe ich zuerst neugierige Blicke von Ausstellungsbesuchern, aber sobald sie erfahren, dass ich aus Russland komme, lässt das Interesse nach.“

Auf zwei Aquarellen, die in der Küche hängen, hat Sascha das Holzhaus mit dem Blumengarten davor verewigt, in dem er aufgewachsen ist. Persönliche Bilder, gegenständlich, nichts für den Kunstmarkt. Aber das Mehrschichtige, Uneindeutige, liegt ihm auch, darin geht er auf: Da ist das Schwarz-Weiß-Bild, das die heutige Familienküche zeigt, in der in durchscheinenden Konturen seine gesamte tschuwaschische Familie versammelt ist – Vater, Mutter, Großeltern, ein Nachbar, er selbst und die Geschwister als Kinder. „Ich trage meine Familie bei mir, sie sind in meinen Gedanken hier, ein bisschen wie Geister“, fasst er die Idee für das Bild zusammen, das er „Visit“ genannt hat.

Visit klein

Bild Visit, 200×300, Tusche auf Papier, 2010: Die tschuwaschische Familie in der sächsischen Küche. Foto: Privat

Suchscheinwerfer oder Gott?

Im Bild „Beichte“ steht äußerst rechts ein Mensch gegen Ende seines Lebens, der vor den Altar tritt, vom Leben abgewetzt, mit angestoßenen Ecken. Hinter ihm liegt sein Lebensweg. Lichtstrahlen vom Himmel – oder sind es Suchscheinwerfer der Polizei? Das Schmutzige abgewaschen – doch die Brühe ist nicht braun, in ihr sind alle Regenbogenfarben enthalten. „So ist es eben: Auch im Schmutzigen steckt das gelebte Leben, und das ist wertfrei und gewollt“, philosophiert der Maler. Das Bild lässt den Betrachtern Raum, sich selbst wiederzufinden: Wo stehe ich, sehe ich Suchscheinwerfer oder Gott oder etwas ganz anderes?BeichteNoch nie ein Wohnzimmer

Manchmal kollidiert das Familienleben mit Saschas schöpferischer Ungeduld. Das Atelier grenzt an die Küche, in der sich das Familienleben abspielt. Ein Wohnzimmer hatten die Prokopievs noch nie. Der größte Raum gehört von jeher der Kunst. Und hinter der nächsten Zimmertür liegt das „Pastorenzimmer“, in dem Sabine die Bücher für ihre Predigten wälzt. Die drei Kinder sind fast immer dabei, und das stellt die Eltern mitunter vor Herausforderungen.

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Altar und Talar: Sabine an ihrem Arbeitsplatz. (Foto: privat)

„Sascha ist oft hin- und hergerissen. Denn er ist wirklich ein Familienmensch. Aber er will eben auch etwas schaffen“, weiß Sabine, für deren Arbeit das nicht minder gilt. Sie hat Verantwortung, erlebt Freud und Leid im Stundentakt: Konfirmandenunterricht, Trauergespräch, Krabbelgruppe, Bauausschuss-Sitzung, Frauenkreis, die Jubilarin in ihrer Feierrunde, Reli-Stunde, Kirchenvorstandssitzung… Selten enden die Arbeitstage vor der Tagesschau. Damit Familie und Beruf sich reiben, bräuchte es nicht einmal unbedingt zwei so kreative Berufe und drei kreative Kinder. Aber es hilft ungemein.

Banja mit Birkenzweigen

Russisch sprechen sie jedenfalls alle. Die Kinder wechseln ganz natürlich zwischen Mutter- und Vatersprache hin und her. Auch das Reisen ins Land ihres Vaters ist den beiden Älteren vertraut, die in der fünften und zweiten Klasse sind. Sie kennen das Leben im Holzhaus aus eigenem Erleben. Wenngleich Saschas Eltern inzwischen verstorben sind, bleibt das Reisen gen Osten.

Und zu Hause? Russische Anarchie oder behütete Pfarrerstöchter? Die Musikschule gehört jedenfalls dazu, soviel steht fest. Die Älteste spielt Geige beim Nachwuchs des Landesjugendorchesters, die mittlere Schwester hat sich fürs Cello entschieden.

in der Banja

Sascha mit Birkenzweigen in der Banja.

Aber im Garten, riesig, russisch in seinen Ausmaßen, im angrenzenden Wald, da gibt es fast schon so etwas wie russische Freiheit. Und, dies ganz sicher eine Rarität für protestantische Pfarrhäuser: In diesem Garten steht eine „Banja“, von Sascha selbst gezimmert, darin ein Ballerofen, der die Schwitzhütte auf über 100 Grad Celsius einheizt. Das Banja-Ritual samt seinen Birkenzweigen genießen auch die Mädchen hin und wieder.

Delfine und Wellen

Und malen können sie auch. In der Küche hängen ihre Werke, eingerahmt und gleichberechtigt neben denen des Vaters. Darunter eines von Mila, das vor Energie strotzt: Anatomisch korrekt gemalte Delfine springen aus Wellen, die nicht einfach nur Wellenlinien sind, sondern perspektivisch vollendete Wogen. Mila hat sie mit Buntstiften gemalt.

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Die Kinder im Garten: In seinen Ausmaßen fast schon russisch.

 

 

 

 

 

 

 

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